Grundlegende Erkenntnisse
und leitende Prinzipien von Confido
– Unsere Vision von Heilung –

 

Inhalt

1.           Ausgangslage  1

1.1.      Unsere Motivation  1

1.2.      Unser Klientel 1

1.3.      Die Herausforderung  1

1.4.      Erkenntnis: Entschiedenheit ist die Grundlage von Heilung  1

1.5.      Erkenntnis: Heilung muss spezifisch sein  1

1.6.      Erkenntnis: Reparaturen lindern nur 1

1.7.      Anmerkung funktionale Therapie  1

1.8.      Erkenntnis: Urmisstrauen  1

1.9.      Erkenntnis: Urparadoxie  1

1.10.         Erkenntnis: Hochbelastetes Terrain  1

1.11.         Erkenntnis: Neufundierung in neuem Terrain  1

1.12.         Erkenntnis: Kompetenz mehren  1

1.13.         Anmerkung: Hemmnisse  1

1.14.         Anmerkung: Bindung und Beziehung  1

1.15.         Erkenntnis: Verlassen des Alten  1

1.16.         Anmerkung: Ein Blick in die Evolution  1

1.17.         Erkenntnis: Chancen durch die Offenheit 1

1.18.         Erkenntnis: Bruch mit dem Alten  1

2.           Aufbau dieses Konzeptes  1

2.1.      Organisation vs. Milieu  1

2.2.      Entwicklungs-Räume  1

2.3.      Beziehung und Wesentlichkeit 1

2.4.      Erkenntnistheoretische Grundgedanken  1

3.           Entwicklungs-Räume – Milieus  1

3.1.      Familie vs. Familiarität 1

3.2.      Mutter / Vater vs. Mütterlichkeit / Väterlichkeit 1

3.3.      Heimat, Zuhause / Heimatlichkeit 1

3.4.      Haus, Hausstand / Häuslichkeit 1

3.5.      Bewegung, Spielen, Motorik  1

3.6.      Natur, Tiere  1

3.7.      Beruf, Beruflichkeit 1

4.           Symbole und Riten  1

4.1.      Äußere Symbole und Codes  1

4.2.      Riten  1

4.3.      Interne Symbole  1

4.4.      Tabus  1

5.           Beziehungs-Qualitäten  1

5.1.      Urberührung Körperkontakt 1

5.2.      Nähe und Entschiedenheit 1

5.3.      Geborgenheit 1

5.4.      Ausgeglichenheit, Harmonie, 1

5.5.      Weichheit und Zärtlichkeit 1

5.6.      Wärme  1

5.7.      Herzlichkeit 1

5.8.      Heiterkeit, Freude, Humor 1

5.9.      Ehrlichkeit 1

5.10.         Mitgefühl 1

5.11.         Beteiligtheit, Begeisterung  1

5.12.         Offenheit, Neugierde  1

5.13.         Verlässlichkeit, Berechenbarkeit 1

5.14.         Kompetenz  1

5.15.         Milde: verzeihende, weiche Konsequenz  1

5.16.         Ästhetik, Schönheit, Achtsamkeit 1

5.17.         Sinn  1

5.18.         Zeit, Geschichte  1

5.19.         Beachtung  1

5.20.         Wertschätzung  1

6.           Übertragung  1

6.1.      Übertragung von Rollenerwartungen  1

6.2.      Übertragung von Wesen und Freiheit 1

7.           Regression  1

7.1.      Regression als Verhalten  1

7.2.      Regression als Wesensäußerung  1

 

 

1.       Ausgangslage

1.1.       Unsere Motivation

Auf meinem langjährigen Weg mit traumatisierten Menschen ist mir unsägliches Leid begegnet und die besondere Notlage dieser Menschen eindrücklich bewusst geworden, auch bedingt durch die Hilflosigkeit vieler Helfer und Hilfesysteme. Herkömmliche Psychotherapie kann nur unzureichend das erforderliche Setting für die erfolgreiche Behandlung von schweren Traumen bieten. Die Intensität und die Einzeldauer der Termine ist zu gering, Auch ist es im Praxissetting kaum möglich, Dissoziationen aufzufangen. Viele Therapeuten berichten von einer enorm belastenden Situation, mit suizidalen und persönlichen Krisen der Patienten, die oft in das Privatleben hineinwirken. Auch schwere Borderlinestörungen sind in einer ambulanten Psychotherapie nur schwer auszuhalten und ohne direkten Einfluss auf die Lebensbedingungen des Patienten therapeutisch kaum erfolgreich anzugehen. Klinikaufenthalte werden von den Kassen meist nur kurzfristig gewährt und zielen vorrangig auf Krisenintervention, sowie allgemein stabilisierende Maßnahmen. Ein Indikator für diese unbefriedigende Situation ist das frühe Berentungsalter dieses Personenkreises.

Das Thema Trauma ist im letzten Jahrzehnt durch viele Skandale in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Hierdurch ist auch die Größe des Problems bewusst geworden, aber auch die lebenslangen Auswirkungen früher Traumatisierungen sind einige Schicksale über die öffentlichen Medien ins Bewusstsein gelangt. Trauma wurde auch zu einem Modebegriff; viele Fortbildungen im Bereich Traumatherapie wurden entwickelt; viele Menschen fühlen sich vom Schicksal dieser Menschen angerührt und wollen helfen. Doch hat sich auch gezeigt, dass eine nachhaltige Hilfe dem Helfer alles abverlangt und ihn selbst in den Sog des Schreckens zieht, mit der Folge, dass viele Hilfsangebote doch wieder nur oberflächlich bleiben.

Vor diesem Hintergrund haben wir vor ca. 10 Jahren unser Angebot für traumatisierte Menschen entwickelt. Unsere vielfältigen Erfahrungen sind dabei eingeflossen, doch vor allem die Erfahrungen von traumatisierten Menschen selbst. Betroffene, die sich ihrem Schicksal gestellt und dieses in ihr Leben integriert haben, verfügen über eine besondere Kompetenz für die Heilung (Expertentum der eigenen Betroffenheit > Vortrag Abensberg). Daher war es der Kerngedanke von Confido-Initiativen, nicht nur auf die Erfahrungen betroffener Menschen aufzubauen, sondern betroffen Menschen selbst einzubeziehen.

1.2.       Unser Klientel

In der Arbeit mit traumatisierten Menschen ist uns bewusst geworden, dass weniger die Art des Traumas über die Auswirkungen entscheidet, sondern mehr das Alter, in dem die Traumatisierung erfolgt. Traumen in späteren Lebensjahre, wenn bereites ein stabiles Ich vorhanden ist, hat andere Folgen, als Traumen die in den Fundamenten eines werdenden Lebens erfolgen. Fundamentale, d.h. frühe Störungen beeinträchtigen das gesamte Lebensgebäude, da das „Leben“ in diesen Phasen noch wesentlich verletzbarer ist. Früh erworbene Prägungen (Urmisstrauen) und Überlebensmechanismen bestimmen veränderungsresistent die Einstellung zum Leben und die besondere Art, sich mit dem Leben einzulassen.

Bei der Realisierung unserer Absicht, eine spezifische Hilfe für traumatisierte Menschen aufzubauen, wurde uns schnell klar, dass wir dem enormen Bedarf nicht gerecht werden konnten. Wir haben uns daher auf Kinder und Jugendliche spezialisiert, da wir hier einen großen Bedarf sahen und sehen. Dieser Bedarf besteht nicht nur quantitativ, sondern vor allem in der enormen Herausforderung der Heilung früher Traumatisierungen. Gut formuliert wurde dieses Problem von Hans-Joachim Maaz (>Siehe Artikel)

Diese 3 Wissenschaften (Psychoanalyse, Säuglings- und Kleinkindforschung, Hirnforschung) lassen keinen Zweifel daran, wie wichtig der elterliche Einfluss in den ersten Lebensjahren für die weitere und grundsätzliche Entwicklung des Kindes ist. Sicher kann sich ein Mensch sein ganzes Leben lang weiterentwickeln und verändern, aber die frühen Erfahrungen zu überwinden, zu relativieren oder gar in ihrer Bedeutung unwichtig werden zu lassen, bleibt sehr schwierig, sehr aufwendig und teilweise auch unmöglich. Deshalb muss man die Feststellung, dass sog. „Frühstörungen“ im Grunde genommen unheilbar sind, höchstens in ihren Folgen gemildert werden können, mit Bitterkeit zur Kenntnis nehmen und der Prävention die wesentlich größere Bedeutung und Wirksamkeit als der Therapie einräumen. (Maas)

1.3.       Die Herausforderung

… dass frühe Störungen im Grunde unheilbar sind, sondern höchstens in ihren Folgen nur gemildert werden können … dies drückt in wenigen Worten die Situation aus, der wir uns stellten und die wir in ihrer Aussichtslosigkeit nicht akzeptieren wollten. Unsere Arbeit nur lindernd zu sehen und Heilung nur sehr bedingt erreichen zu können, hätte unser Tun in einen resignativen Kontext gestellt. Dieser sicher berechtigte, und von vielen Fachleuten bestätigte pessimistische Realismus kann nicht Grundlage eines optimistischen Konzeptes sein, er hätte uns Kraft gekostet, wo uns bewusst war, dass Heilung, uns alle Kraft abverlangen würde. Nur mit Zuversicht und einer optimistischen Entschiedenheit ist das Ziel erreichbar.

Diese persönliche Entschiedenheit für einen traumatisierten Menschen sehen wir als sehr bedeutsam an, denn auf dem Weg der Traumaheilung treten immer wieder entmutigende Phasen auf, vor allem wenn die unbewussten Täterintrojekte ins Bewusstsein treten. Gerade dann, wenn sich der Betroffene oft selbst verliert und sich fremd in sich fühlt, gilt es, entschlossen da zu bleiben und die Erwartung, doch wieder verlassen zu werden, nicht zu wiederholen.

So standen wir vor der Aufgabe, ein Fachkonzept zu entwickeln, das uns die Chance bot, diese frühen Traumen im Leben eines Menschen nicht nur zu lindern, sondern „ausheilen“ zu können. Während dieser Überlegungen ist uns das Wort Heilung anstatt von Therapie immer bedeutsamer geworden. Heilung hat für uns eine andere Bedeutung gewonnen, gerade in der Abgrenzung zu den herkömmlichen therapeutischen Methoden, auch wenn Confido-Initiativen von den Behörden als therapeutische Einrichtung klassifiziert wird.

1.4.       Erkenntnis: Entschiedenheit ist die Grundlage von Heilung

Heilung kann nur ganzheitlich erfolgen und geschieht in einem heilenden Milieu. Ein sehr wesentlicher Aspekt von Heilung ist die gleichwertige Einbeziehung des Betroffenen; sie kann nur gelingen, wenn eine „heilende Beziehung“ zwischen den Betroffenen (unseren Kindern) und den sie betreuenden Menschen ins „Fließen“ kommt. Dies gilt auch für das heilende Milieu. Auch dieses kann nicht einfach vorgegeben werden, wie die Temperatur eines Raumes. Milieu, Atmosphäre, Stil, Wertschätzung, Achtsamkeit, Geborgenheit sind „Worte“ die bewusst machen, dass ein Milieu dadurch entsteht, dass Menschen (Betreuer und Betreute) sich gestaltend und prägend einlassen.

Eine heilende Beziehung und ein heilendes Milieu können daher nur entstehen, wenn eine gegenseitige Entsprechung zwischen den Menschen besteht. Diese ist jedoch immer eine Qualität der Freiheit und kann nicht erzwungen werden, sondern gründet in einer freien Entscheidung, ob und wieweit ich mich einlasse.

Damit wird ein sehr wesentlicher Aspekt von Heilung erkennbar: sie ist nicht vorhersehbar, nicht planbar, nicht machbar, sondern kann sich nur ereignen. So kann der Heilungserfolg auch nicht vertraglich vereinbart, gar garantiert werden, wie dies bei der somatischen Therapie möglich ist. Die fachgerechte Therapie einer Hüftgelenksarthrose kann definiert, vereinbart und auch verrechnet werden, doch nicht die Heilung. So können wir in unserer therapeutischen Wohngruppe formale Gegebenheiten regeln, wie die Zimmergrößen, die Ausstattung, die Qualifikation der Mitarbeiter, die Betreuungszeiten, doch kann damit nicht das Wesentliche von Heilung geregelt werden. Damit wird auch deutlich, dass Heilung von einer anderen Qualität ist die schwer nach rein formalen Kriterien zu bewerten und zu überprüfen sind.

1.5.       Erkenntnis: Heilung muss spezifisch sein

Philosophisch ausgedrückt, ist Heilung eine Dimension der Freiheit. Damit tritt etwas sehr Wesentliches ins Bewusstsein: schwere Traumen treffen das Menschsein. Damit wird auch das Wesen eines Traumas deutlich, wodurch es sich von anderen Arten von Schädigungen unterscheidet: es betrifft immer das gesamte Leben eines Menschen, bis hinein in seine existenziellen Fundamente. Damit werden auch die besondere Schwere von frühen Störungen und die besonderen Herausforderungen der Heilung erklärbar, denn es ist nicht nur eine isolierte körperliche oder psychische Funktion gestört oder beeinträchtigt, die der Therapie (Reparatur) bedürfte, sondern der ganze Mensch, mit all seinen Lebensbezügen und allen Ebenen.

Dies macht ein Grundprinzip von Heilung deutlich: die Behandlung muss mit der Qualität erfolgen, auf der die Störung vorliegt.

Ein Bruch bedarf der mechanischen Stabilisierung, Diabetes der Substitution des fehlenden Insulins, eine Depression der chemischen Stabilisierung von Regelmechanismen in Gehirn. In diesem Sinne braucht ein Trauma – kausal gedacht – einer „Behandlung“, die an der existenziellen „Verletzung“ des Menschseins ursächlich wirkt. Damit wird auch deutlich, dass diese spezielle heilende Kraft, selbst aus den existenziellen Wurzeln des Helfers kommen muss, will sie dem Betroffenen heilend nahe sein. Diese Kraft kann jedoch nicht ausgebildet werden, sondern erfordert die existenzielle Bewusstheit und bedingungslose Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Leben. (Anmerkung: … wie es das Ziel einer guten Lehranalyse im Rahmen einer psychoanalytischen Ausbildung ist.)     

1.6.       Erkenntnis: Reparaturen lindern nur

Zurück zur Herausforderung, frühe Schädigungen nicht nur zu lindern, sondern auszuheilen. Das Bild des Hauses, bei dem Schäden in den Fundamenten vorliegen, macht das Problem deutlich: es besteht keine Tragfähigkeit, so dass ein Lebens-Haus mit mehreren Stockwerken darauf errichtet werden könnte. Übliche Lösungen bestehen darin, durch Reparaturen und Hilfsstützen wenigstens ein einfaches Leben im Erdgeschoss zu ermöglichen. Heilung heißt, Probleme ursächlich zu beheben und dem Betroffenen eine volle Entfaltung seines Lebens auch in den „höheren Stockwerken“ seines Lebenshauses zu ermöglichen. Dazu sind neue Fundamenten erforderlich, mit einer ausreichenden Tragfähigkeit. Die Reparatur der alten Fundamente ist nur eine Notlösung.

Dieses Bild verdeutlicht etwas mechanisch die Grundprobleme. Es ist jedoch ein gutes Bild, unsere Prinzipien von Heilung zu veranschaulichen. Wie sehen die Probleme konkret aus.

Viele unserer Kinder sind in diesem Sinne fundamental beeinträchtigt. Die frühen Lebensbedingungen waren durch Eltern oder elterlich wirkende Personen bestimmt, die selbst krank, gestört, belastet, gewalttätig, kriminell, abhängig, u.v.m. sind. Das Kind wurde in keine „Familie“ als eine zweite Gebärmutter hineingeboren, worin seine nächste Reifung erfolgen konnte. Familie ist für das Kind die Welt, eine andere kennt das Kind nicht. War im Mutterleib alles im Überfluss da, so wird durch die ersten Lebenserfahrungen die Welt modellhaft geprägt: Ist es eine vertrauensvolle, liebevolle Welt, in die das Kind nach der paradiesisch-uterinen Welt hineingeboren wird, ein Welt, in der es willkommen und angenommen ist, oder ist es nach dem Schock der Geburt eine Welt voll Versagen, Hunger, Durst, Kälte, Einsamkeit? Diese ersten Lebenserfahrungen sind das erste Lebensfundament: Ist es fester Grund, voll von Vertrauen, oder ein weicher, voll von Vorsicht und Misstrauen?

Mit diesen Urerfahrungen sind die Urbedürfnisse eines Kindes verbunden: Sicherheit und Verlässlichkeit, vermittelt über die körperlichen Grundbedürfnisse und in der ersten Lebensphase, werden mit dem intrauterinen Lebensgefühl verglichen.

1.7.       Anmerkung funktionale Therapie

Das Kriterium einer funktionalen Welt ist das Funktionieren. Funktionen sind durch Vorgaben definiert; Funktionen können bewertet werden, sie drängen in die Perfektion. In diesem Paradigma haben Menschen Probleme, die auf Störungen von Funktionen zurückgeführt werden können, die der „Reparatur“ bedürfen. Im Gegensatz dazu ist ein Kriterium eines heilenden Milieus die Geborgenheit. Dies ist jedoch eine ganz andere Qualität, worin sich der Mensch nicht als jemand erlebt, der einen austauschbaren Funktionswert hat, sondern als Individuum, das in eine intime Beziehung eingebettet ist.

Gutes Verhalten zu belohnen und Grenzüberschreitungen direkt oder indirekt zu bestrafen, gehört zum erzieherischen Alltag mit Kindern, es sind Grundprinzipien des Lebens, die ein Kind lernen muss. Das spezifisch Menschliche ist qualitativ etwas ganz anderes, als dass es durch Methoden der Verhaltens-Modifikation hervorzubringen wäre. Verhaltenstherapie in Verbindung mit Medikamente stehen derzeit hoch im Kurs und sind die bevorzugten Methoden in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie. Hierdurch können schnelle Anpassungen erreicht werden, doch ob damit auch Heilung zu erzielen ist, ist nach unseren Erfahrungen sehr fraglich.

Unsere Sicht: Was als „Verhaltenstherapie“ aufgewertet und professionalisiert wurde, ist ein natürliches Verhalten zwischen Menschen, nicht nur in der Erziehung. Belohnung und Bestrafung sind eine „Methode“ und nicht mehr. Entscheidend sind die Beziehung und das Milieu, in dem diese Methode eingebettet ist. Selbst in der Ausbildung von Pferden und Hunden sind Belohnung und Bestrafung in eine Beziehung zum Tier eingebettet, wenn wir wirksam sein sollen. Ein Analogie-Vergleich: Mit zehn Fingern auf einer Tastatur schreiben zu können, ist eine Methode, die auf einer gänzlich anderen Stufe steht, als der Text der geschrieben wird.

1.8.       Erkenntnis: Urmisstrauen

Unsicherheit und Misstrauen bestimmen und beeinträchtigen fundamental das Leben von traumatisierten Menschen. Vertrauen in das Leben ist das unterste Fundament, auf dem alles aufbaut. Wer Vertrauen in die Welt hat, der kann auch sich selbst trauen. Selbst- und Welt-Vertrauen hängen unmittelbar zusammen. Vertrauen ist die Grundlage von allem: wer vertrauen kann, dem fügt sich alles von selbst, wie von Zauberhand.

Dies führt zur Frage: kann im späteren Leben dieses Urvertrauen in sich und in die Welt wieder erreicht werden? Ist es möglich, dieses Fundament neu zu errichten und einem Menschen diese, alles prägende Elementarerfahrung neu zu vermitteln?

In vielen Begegnungen mit traumatisierten Menschen sind mir diese beiden Grunddimensionen: Vertrauen und Misstrauen, Sicherheit und Unsicherheit, leidvoll bewusst geworden. Ich habe jedoch auch erkennen müssen, wie sehr herkömmliche Therapie kaum die Möglichkeit bietet, in die Tiefen eines Menschen vorzudringen, wo die ursachlichen existenziellen Verletzungen vorliegen. Dies zu versuchen, war die Intention Confido-Initiativen zu gründen und macht verständlich, warum wir den Namen Confido (Ich vertraue) programmatisch gewählt haben. Dies führt zur Frage, wie es möglich ist, auch im späteren Leben Zugang zu diesem untersten Fundament „Vertrauen“ zu erlangen?

1.9.       Erkenntnis: Urparadoxie

Leitend war unsere Erfahrung, dass mangelndes Vertrauen nicht einfach „repariert“ werden kann. Erfahrungen in vielen quälenden Prozessen haben uns gelehrt, dass ein Mensch nicht zu überzeugen ist, durch noch so gute Argumente, dass Vertrauen die bessere Alternative im Leben ist, und dass Misstrauen nur das Leben mindert. Diese Aufforderung „Vertraue“ ist im Sinne von Wazlawik eine Urparadoxie. Auch nützt es nichts, Gründe zu nennen, warum der Boden tragfähig ist, wenn Einzubrechen die Urerfahrung ist. Mit herkömmlichen Mitteln ist es nicht möglich, den Schalter von Misstrauen in Vertrauen umzulegen. Wie kann es gelingen, dass ein Mensch wieder Vertrauen in das Leben fassen kann?

1.10.   Erkenntnis: Hochbelastetes Terrain

Im Laufe der Jahre haben wir eine Erkenntnis gewonnen, die uns einen neuen Weg eröffnete. Bildlich ausgedrückt, mussten wir erleben, wie aufwendig und doch erfolglos es war, die bestehenden Fundamente zu reparieren. Die Lebensbereiche, in denen die alten Fundamente gründen, sind hoch mit Urverletzungen belastet, so dass jeder Reparaturversuch sofort wieder die alten Erfahrungen und Ängste auslöst. Diese „Orte“ sind hochsensibel mit negativen Erwartungen und Abwehr besetzt. Der Boden darf nicht tragfähig sein, so dass alles so gewertet und arrangiert wird, dass nicht Vertrauen geschieht, sondern dass das Misstrauen bestätigt wird.

Im brüchigen Terrain Vertrauen aufzubauen, ist meist unmöglich. Einem Menschen seine Vermeidungsstrategien zu nehmen, würde ihn hilflos und ausgeliefert machen. Hilfreich kann sein, frühzeitig die Gefahr zu erkennen, um sich zu schützen, doch zeigt sich auch, dass diese Strategien sich generalisieren und immer mehr das Leben beeinträchtigen. Kontrolle, Misstrauen, Vorsicht und Vermeidungsverhalten werden zum alles bestimmenden Lebensstil. Es muss auch bewusst sein, dass primäre Lernprozesse im Umfeld von Angst sehr tief gehen und nicht mehr gelöscht werden können. Zwar können sie etwas abgeschwächt werden, doch ist es das Kennzeichen solcher Lern- und Prägungsprozesse, dass sie bei ähnlichen Stimuli sehr schnell wieder aktiviert und erneut verstärkt werden.

1.11.   Erkenntnis: Neufundierung in neuem Terrain

Aus dieser Erkenntnis folgt, Heilung kann nicht im hochbelasteten „Terrain“ gelingen kann, dort ist nur eine Linderung möglich. Dies bedeutet: Vertrauen kann nur durch neue Erfahrungen in einem neuen Lebensumfeld aufgebaut werden, das möglichst frei von Vorbelastungen ist und frei von „Triggern“, die Angst auslösen und mit frühen Erfahrungen besetzt sind. Gelingt dies, dann können über einen längeren Zeitraum hinweg die primären Konditionierungen zwar nicht aufgelöst werden, sondern es kann die Erfahrung wachsen, dass diese Gefahren gemeistert werden können.

Dies gilt allgemein für Traumen. Die traumatischen Erfahrungen und die Ängste, die damit verbunden sind, können nicht mehr ausgelöscht werden.

1.12.   Erkenntnis: Kompetenz mehren

Die einzige Möglichkeit, wieder ins Leben zu kommen, besteht darin, die eigene Kompetenz zu mehren, um sich sicher zu fühlen, diese Gefahren meistern zu können. Daher kommt der eigenen Kompetenz die entscheidende Bedeutung zu. Nur sie kann das Gefühl der hilflosen Ausgeliefertheit auflösen, welches hinter dem Misstrauen steht.

Kompetenz kann jedoch nicht auf dem Boden wachsen, der durch die brüchigen Fundamente belegt ist. Die neuen Erfahrungen, im Sinne von neuen Lebensfundamten, müssen daher in anderen, unbelasteten Lebensbereichen neu gebaut werden. Darin sehen wir das Wesen von Heilung, im Gegensatz zu Linderung. Bildlich gesprochen ist es eine Neufundamentierung, eine Neufundierung oder eine Neugründung des Lebens. Ein neuer Grund ist notwendig, worauf das Lebenshaus errichtet werden kann.

1.13.   Anmerkung: Hemmnisse

Dies führt zur allgemeinen Erkenntnis: Vertrauen ist mit Kompetenz gepaart, mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Gefahren meistern zu können. Dies macht aber auch deutlich, wie sehr ein Weg des Mitleids und des Bedauern und eine Haltung des Jammerns und des Vorwurfs, wie sie bei vielen traumatisierten Menschen zu finden ist, die Heilung erschwert.

Ein weiterer erschwerender Grund hat gerade im Bereich der Arbeit mit Kindern diese Neufundierung erheblich erschwert, was auf den ersten Blick paradox erscheint: das Eltern- und Familienrecht. Nach unserer Rechtsauffassung ist das Recht der Eltern ein höchstes Rechtsgut (im Gegensatz zu nordischen Ländern), das auch dann bestehen bleibt, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, ihren Kindern die erforderlichen Bedingungen für ihre Entwicklung zu bieten oder sie sogar durch Gewalt in unterschiedlichsten Formen massiv schädigen. Wir mussten immer wieder erleben, dass Tätern gerichtlich immer wieder ein Umgangsrecht zugesprochen wurde, und die Rückführung in das Elternhaus ein sehr hohes sozialpädagogisches Ideal darstellt. Dies mag für ein intaktes Elternhaus durchaus richtig sein, doch zeigen unsere Erfahrungen eindrücklich, wie sehr Heilungsprozesse im neuen Terrain durch diese immer wieder aktivierten Erfahrungen in hochbelasteten Lebensbereichen beeinträchtigt oder wieder zunichtegemacht werden. Hier bestätigt sich eine frühe Erkenntnis der Traumatherapie: keine Therapie unter Täterkontakt.

Unsere Erfahrungen zeigen auch, dass Kinder, bei denen kein Kontakt mehr zum hochbelasteten Herkunftssystem besteht, oft wesentlich bessere Heilungschancen haben, als Kinder, bei denen ein regelmäßiger (meist durch Gerichte geregelter) Kontakt zum Tätersystem besteht. Die Täter-Elternteile vermitteln den Kindern meist auch ihre Absicht, sie wieder zu sich holen zu wollen. Diese Situation erzeugt nicht nur einen erheblichen Loyalitätskonflikt im Kind, sondern macht eine Neufundierung unmöglich, da die Lebensenergie in der Abwehr gebunden bleibt.

1.14.   Anmerkung: Bindung und Beziehung

Dies macht deutlich, dass eine Neufundierung im Bereich von Kindern schwer umzusetzen ist, da sehr elementare und das gesamte Leben des Kindes umfassende Lebensbereiche betroffen sind und das Misstrauen die gesamte Familie und die nahen Bezugspersonen, meist Eltern oder Elternteile, umfasst. Auch ist dieser Mangel an Vertrauen oft nicht so direkt erkennbar, sondern zeigt sich durch vielfältige Symptome, vorrangig an tiefgehenden Bindungs- und Beziehungs-Störungen. Dies ist auch verständlich, denn ich kann nur zu etwas eine Beziehung eingehen, dem ich vertraue. Selbst eine so selbstverständliche Tätigkeit wie Gehen, erfordert das Vertrauen in den tragfähigen Boden und in die eigene Motorik. So erleben wir bei vielen unserer Kinder elementare Defizite im Bereich der Motorik und der Koordination, die als Entwicklungsrückstände diagnostiziert werden. Wie dargestellt, können sie jedoch auch als Vertrauens-Defizite verstanden werden: ich traue mich nicht, ich vertraue mir nicht. Anmerkung: ich habe den Eindruck gewonnen, dass Menschen mit großer Vertrauensfähigkeit und damit verbunden auch Selbstsicherheit, auch über eine hohe motorische Kompetenz verfügen, über ein großes Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers. Die Motorik ist ein äußeres Abbild der inneren Sicherheit. Unsichere und vertrauensschwache Menschen, bewegen sich auch so.

Damit stellt sich die Frage, wie können wir Bedingungen schaffen, in denen diese Neufundierung geschehen kann?

1.15.   Erkenntnis: Verlassen des Alten

Wie dargestellt, ist es eine Grundbedingung, dass Neues Wachsen kann, dass das alte, belastete Terrain verlassen wird und das Kind sich mit Neuem einlässt. Dieses Verlassen von Altem, auch wenn es von außen betrachtet nicht attraktiv ist, ist schwer, denn die Kinder sind dort gebunden und fühlen sich oft auch im Schrecken „sicher“.

In den Jahren der Arbeit mit traumatisierten Kindern hat uns immer wieder erstaunt, wie schnell sich die Kinder auf neue Beziehungen und neue Lebensumstände eingelassen haben. Vor allem, wie schnell sie den  Köperkontakt suchten und in einem Maße anhänglich waren, wie man es sonst nur bei Kindern mit ihren vertrauten Eltern kennt. Ebenso erstaunlich war es, wie schnell sie sich auf die gegebenen Lebensumstände einließen, als ob sie hier aufgewachsen wären. Eigentlich hatten wir eine scheue Zurückhaltung erwartet, ein vorsichtiges Annähern, ein Fremdeln, Angst vor dem Neuen, Heimweh, Trennungsreaktionen, doch war dem meist nicht so. Sicher liegt ein Grund darin, dass viele unserer Kinder bereits mehrere Stationen hinter sich hatten, bevor sie zu uns kamen, doch hätten diese Lebenserfahrungen die Zurückhaltung auch verstärken können.

Gerade das besondere Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung ist das Erstaunliche. Eine Erklärung kann ein Blick in die Entwicklungs-Geschichte des Menschen liefern.

1.16.   Anmerkung: Ein Blick in die Evolution

Dieses ungebrochene Bedürfnis nach körperlicher Zuwendung scheint ein Urbedürfnis zu sein, das auch durch die Lebensumstände nicht gebrochen wird. Vom Kind aus betrachtet, ist es ein sehr starkes Mittel, eine Person an sich zu binden, was für ein traumatisiertes Kind überlebenswichtig ist. Dieser Bindungsreflex hat sich wohl in der Evolution als überlebenswichtig herausgebildet. Betrachtet man die Lebensbedingungen von Kindern in früheren Zeiten, so war es wahrscheinlich, dass ein Kind seine Eltern durch Krankheit, Unfälle, Gewalt oder alltägliche Gefahren verlor. In diesem Fall musste es zum Überleben möglichst schnell Ersatzeltern finden. Trauer konnte es sich nicht leisten, auch nicht wählerisch zu sein. Vielleicht war es in solchen Lebensgemeinschaften es auch so, dass vorbeugend schon Bindungen zu anderen potentiellen Eltern gebahnt wurden. Es ging nicht nur um die mütterliche Versorgung, sondern auch um den väterlichen Schutz. Dies macht deutlich, wie locker die Eltern-Kind-Beziehungen früher sein mussten, um das Überleben zu sicheren. Wären diese Bindungen starr und hochspezifisch, dann würde dies die Überlebenschancen erheblich mindern.

Diese Beziehung zwischen Kind und Eltern war wechselseitig, denn in einer Steinzeitfamilie waren die Eltern ebenso auf die Kinder angewiesen, wie die Kinder auf die Eltern. Die Kinder mussten einmal die Eltern miternähren und die Familie verteidigen. Kinder waren die Investitionen in die zukünftigen Überlebenschancen, der eigenen und der des Stammes. So war ein Kind zu bemuttern ebenso wichtig wie bemuttert zu werden (>Evolutionsbiologie). Kind, Eltern, Sippe waren eine Überlebensgemeinschaft.

Aus dieser Sicht können die unspezifischen Nähebedürfnisse unserer Kinder auch als Überlebensreflexe verstanden werden. Es ist die unbewusste Suche des Kindes nach den optimalen Überlebensbedingungen. Um diese für sich zu sichern, mussten die neuen Bezugspersonen an sich gebunden werden, wozu der Körperkontakt die besten Möglichkeiten bot. So ist der Betroffene, der bedauernswürdige Teil, der jedoch dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern er hat auch seine „Waffen“ und „Strategien“, um sein Überleben zu sichern. Es musste so schnell wie möglich eine Bindung aufbauen, wobei es in früheren Zeiten sicher nicht mit einem ethischen Bewusstsein rechnen konnte, und dass Mitleid das Verhalten der Menschen leitete. Kindchenschemen und Köperkontakte sind daher der elementare Mechanismus, die neuen Menschen an sich zu binden. Ein Kind, das sich an einen schmiegt, das kann man nicht mehr so leicht verstoßen.

1.17.   Erkenntnis: Chancen durch die Offenheit

Was heißt dies für unser Ziel der Neufundierung eines Kindes?

Diese evolutive Offenheit und Plastizität der Kind-Eltern-Beziehung bietet hierzu eine große Chance. Wenn wir dem evolutiven Modell folgen, dann bedeutet dies auch, dass die von den primären Eltern geprägten Fundamente prinzipiell weich und veränderbar sein müssen, denn wären diese starr und unveränderlich, dann hätte ein Kind sich nicht mehr in die neuen Lebensumstände einfinden können. Dies erleben wir nicht nur in der Bindungsoffenheit, sondern auch in der Offenheit gegenüber den neuen Lebensbedingungen.

Diese prinzipielle Offenheit gegenüber neuen Lebensbedingungen entsteht jedoch nur, wenn für das Kind erkennbar, die alten Umstände nicht mehr bestehen, am eindrucksvollsten dadurch, dass die eigenen Eltern nicht mehr da sind, sei es gestorben sind, oder verschleppt wurden. (Anmerkung: vielleicht liegt auch darin eine heilende Wirkung von Beerdigungsriten, den Kindern den Verlust erlebbar zu machen, als Bedingung für eine Neufundierung.) Besteht jedoch keine wirkliche Trennung vom Bisherigen, oder besteht diese weiter, nur dass das Kind weggeben wird, dann ist verständlich, dass für das Kind keine Neufundierung erforderlich und möglich ist, sondern nur eine Anpassung an ergänzende Lebensformen. Die bestätigen auch unsere paradoxe Erfahrung, dass es für Kinder einfach ist, die über keine Elternkontakte mehr verfügen und auch prognostisch die Entwicklung sehr viel günstiger ist, im Gegensatz zu Kindern, die noch über Eltern oder Elternteile verfügen, die ihre Bedürfnisse auch noch aktiv einfordern und die Kinder entsprechend beeinflussen. Für die erste Gruppe besteht die Chance für eine Neufundierung ihres Lebens, mit der Möglichkeit alle negativen Prägungen der Vergangenheit hinter sich lassen zu können. Für die zweite Gruppe besteht ein Grundkonflikt zwischen altem und neuem Leben. Auf einem langen konfliktbeladenen Weg ist es weniger eine Neufundierung, sondern ein Lernen. Erst die Pubertät bietet im Rahmen einer neuen Indentitäts-Findung neue Chancen.

1.18.   Erkenntnis: Bruch mit dem Alten

Zusammenfassend erscheint es für uns so, dass die Chancen zu einer Neufundierung umso höher sind, je geringer die Rückkehroptionen ins alte System für das Kind sind, wobei hier nicht die objektiven, sondern die subjektiven Erlebnisse und Einschätzungen entscheidend sind. (Anmerkung: die Attraktivität des neuen gegenüber dem alten System spielt dabei eine untergeordnete Rolle.) Neben der dargestellten Neufundierung als Überlebensreflex, erleben wir jedoch auch eine langsame Neufundierung im Sinne einer Generalisierung auf andere Fundamentbereiche.


 

2.       Aufbau dieses Konzeptes

Dieses „Modell“ wurde nicht theoretisch abgeleitet, sondern ist im Leben mit Kindern gewachsen. Daher stehen hinter den Begriffen persönliche Erfahrungen und Erlebnisse, die den Worten ihre subjektive Färbung verleihen. Es geht uns nicht um wissenschaftliche Korrektheit, sondern mit den Mitteln der Vernunft und der Intuition die Kräfte eines heilenden Milieus zu erspüren und zu verstehen. Auf diesem Weg mussten wir jedoch feststellen, dass die üblichen psychologischen Konzepte und die damit verbundenen Fachbegriffe nicht recht passen, um das uns Wesentliche dazustellen.

Über allem stehen zwei Begriffe in denen sich alles verdichtet: Milieu und Beziehung. Globale Begriffe sind jedoch auch kritisch zu sehen, denn sie verleiten dazu, sie als Etiketten zu verwenden: „Wir arbeiten beziehungsorientiert und ganzheitlich“, „bei uns steht das Kind im Mittelpunkt“ sind Formulierungen, die man in pädagogischen Konzepten und Leitbilden findet, ohne dass die Begriffe näher erklärt werden. Diese mangelnde Operationalisierung ist mit ein Grund, warum Konzepte und Methode auf Verhaltensebene in einer Kultur, in der immer mehr nur Messbares zählt, so erfolgreich wurden.

Es ist unsere Absicht, die als heilend erkannten Wirkprinzipien zu definieren und evaluierbar zu machen. Dies ist jedoch schwierig. Verhalten ist einfacher zu beschreiben als Beziehung. Anmerkung: Dies ist auch der Grund des Unbehagens, das alle verspüren, die gezwungen sind, ein lebendiges Beziehungs-Geschehens auf die funktionalen Begriffe von Berichten und Anträgen zu reduzieren – eigentlich ist es eine Verletzung der Menschlichkeit und der Intimität der Beziehung, die umso schwerer fällt, je mehr man sich des menschlich Wesentlichen bewusst ist. In einer zunehmend funktionalen Welt wirken solche inneren Konflikte und Vorbehalte unverständlich, doch sind sie Ausdruck eines fundamentalen Unbehagens, dass mit diesem Reduktionismus das spezifisch Menschliche immer mehr in den Hintergrund rückt, gar verlorenzugehen droht. Es ist auch der Gefahr entgegenzuwirken, dass im Rahmen eines Qualitätsmanagement nur mehr das existiert, was nach diesen Kriterien messbar ist – Weiches und Komplexes fällt in solchen Systemen unter den Tisch. Es ist kreative Fachlichkeit erforderlich, um das spezifisch Menschliche nicht nur auf der Ebene der Absicht zu belassen, sondern auch konkret handhabbar zu machen. Wir haben versucht, uns dieser Herausforderung zu stellen, gerade das schwer fassbare von Heilung erleb- und handhabbar zu machen.

2.1.       Organisation vs. Milieu

Auf der untersten „Schicht“ unseres Konzeptes stehen sich die Begriffe Organisation und Milieu sich ausschließend gegenübergestellt. Dies ist von fundamentaler Bedeutung für das Verstehen dieses Konzeptes, denn es sind grundlegend verschiedene Qualitäten. (Unterschiedliche Qualitäten sind in der Graphik mit Farben symbolisiert.)  

Familie ist eine Organisations-Struktur, die durch Lebenspartner, einer definierten Lebenspartnerschaft, einer gemeinsamen Wohnung, ggf. durch gemeinsame Kinder und einem gesetzlichen Status bestimmt ist. Darin haben die Personen Funktionen und Rollen, auch hat die Familie im sozialen Umfeld einen Status. Davon getrennt ist die Qualität „Familiarität“, die etwas ganz anderes ist, als die Organisation „Familie“. Familie kann man organisieren, doch nicht die Familiarität, sie ist eine besondere Qualität, die dem entspricht, was wir als „Milieu“ bezeichnen. Dies drückt sich auch darin aus, dass Familiarität nicht an eine bestimmte Familie gebunden ist; familiär kann auch ein Betrieb, ein Klinik, eine Schule sein. Familiarität haben wir als eines der „Kraftfelder“ erlebt, das Kinder für ihre Entwicklung bedürfen; sie ist ein Eckpfeiler eines heilenden Milieus.

Mit der Unterscheidung dieser beiden qualitativ unterschiedlichen Weisen betreten wir das Reich der Philosophie. Dort wird, analog zu Organisation und Milieu, das Seiende und das Sein sich ausschließend gegenübergestellt. Warum aber ist diese Unterscheidung für die Frage nach dem „Heilen von Traumen“ so bedeutsam?

Das Wesen eines Traumas besteht darin, dass nicht nur eine Funktion gestört ist, die dem Seienden zuzuordnen wäre, sondern dass der Menschen in seinem Sein betroffen ist. Damit wird auch der Unterschied zwischen „Heilung“ und „Therapie“ deutlich. Der Heilung bedarf das Sein des Menschen, was nur in einer „wesentlichen“ Beziehung geschehen kann. Auch hier treffen wir wieder auf das sprachliche Problem. Im Seienden, d.h. in der funktionalen Welt, sind die Aktionen kausal begründbare Verhaltensweisen. Status, Rolle, Funktionen und rechtlicher Status einer Mutter können daher klar definiert werden. Die Rolle einer Mutter kann man sich aneignen und den Status erhält man durch die Geburt oder die Adoption eines Kindes. Mütterlichkeit ist dagegen eine Qualität des Seins. Mütterlichkeit kann man nicht lernen oder per Dekret erhalten, sie kommt aus dem Wesen eines Menschen. Das Wort Sein macht auch den Unterscheid deutlich: mütterlich verhält man sich nicht, sondern mütterlich ist man. 

Dieser Begriff Wesen ist uns im Rahmen von Heilung sehr bedeutsam geworden. Die heilenden Kräfte, die das heilende Milieu bewirken, kommen aus dem Wesen eines Menschen, sie sind ihm wesentlich.

2.2.       Entwicklungs-Räume

Die Entwicklung geschieht in Phasen, die Entwicklungs-Räumen zugeordnet sind, die dem Kind – wie die erste Gebärmutter – das erforderlichen Entwicklung-Milieu bietet. Bei der Analyse des Besonderen eines heilenden Milieus ist uns eindrücklich bewusst geworden, dass nicht die formale Organsiation – und sei sie noch so perfekt – das Milieu bietet, sondern dieses eine ganz andere „Qualität“ ist. So sind nicht die Struktur und die Organisaiton „Familie“ heilend, sondern das familiäre Milieu: die Familiarität. In gleicher Weise sind nicht eine funktionale Rolle der „Mutter“ und des „Vates“ heilend, sondern die Mütterlichkeit und die Väterlichkeit. Die Versorgungs des Kindes kann organisiert und auch von einer Amme übernommen werden. „Sein“, d.h. Mütterlichkeit, Väterlichkeit und Familiarität entstehen, wenn eine Person mit ihrem ganzen Wesen „da“ ist.

Überblick über die Entwicklungs-Räume.

 

2.3.      
Beziehung und Wesentlichkeit

Auf dieser Grundlage können wir nun Beziehung definieren und von Verhalten abgrenzen. Verhalten wird durch eine Funktion definiert, Beziehung ist dagegen sehr viel mehr, worin das spezfisch Menschliche, das Sein, ins Leben tritt. Wenn ein Versorgungsroboter dem Kind die Trinflasche reicht, würden wir nicht von Beziehung sprechen, sondern von der Verrichtung einer Funktion. In gleicher Weise kann auch ein Mensch funktional, d.h. „entseelt und „wesenslos“ dem Kind die Flasche reichen, wodurch keine menschliche Beziehung entsteht.

Die graphische Darstellung veranschaulicht die Gegensätzlichkeit von Verhalten (grau) und Beziehung (rosa). Interaktionen geschehen in der gleichen Qualität, sie sind entweder Verhaltens- oder Beziehungsweisen. Funktionales Verhalten bewirkt eine funktionale Re-Aktion. Beziehung geschieht, wo sich Wesen mit Wesen oder Sein mit Sein verbindet.

Wenn ein Trauma die Verletzung des Seins ist, dann kann Heilung nur in einer wesentliche Beziehung geschehen und nicht durch eine funktionale Wirkung. In seiner Fachlichkeit ist ein ganz anderer Teil des Menschen anwesend, als in seiner Wesentlichkeit. Fachlichkeit ist durch Wissen und Können bestimmt, die durch Ausbildung und Erfahrung erworben wird – diese Kompetenzen besitzt man. Daher ist das Erbringen dieser Kompetenz auch vertraglich zu vereinbaren, doch nicht die Wesentlichkeit. Sein und  Wesen sind untrennbar mit dem spezifisch Menschlichen verbunden: der Freiheit. Wesentlich ist man, wenn man sich frei entscheidet, mit dem Wesen da zu sein. Eigene Entschiedenheit bewirkt Entschiedenheit im Du. Diese Spaltung in Verhalten und Wesen zieht sich durch alle menschlichen Lebensbereiche (Graphik).


Um diese mehr philosophischen Gedanken zu konkretisieren, haben wir diese „besondere Qualität einer wesentlichen Beziehung“ näher bestimmt (rosa), worin wir auch die Qualitäten von Heilung „erspürt“ haben. Die einzelnen „Aspekte“ werden nachfolgend näher erläutert.

2.4.       Erkenntnistheoretische Grundgedanken

Graphiken gleichen Landkarten, worin Begriffe wie Länder aneinander grenzen. Hier endet jedoch schon die Analogie, denn im Lebendigen ist die Karte nicht eben, sondern räumlich und damit gibt es auch keine zweidimensionalen Grenzen. Auch in der Physik, gibt es höherdimensionale Landkarten, als Versuch die Realität gesetzlich abzubilden. In der Quantenphysik ist dies die Qantenfeldtheorie. Der Unterschied zu einer Landkarte besteht darin, dass darin keine realen Zustände dargestellt werden, sondern Möglichkeiten. Dies ist sehr bedeutsam, denn auch im Leben gibt es nur scheinbar eindeutig definierbare Zustände. In unserem Konzept ist die Mütterlichkeit auch keine eindeutige Struktur, sondern ein unscharfer Entwicklungs-Raum.

In der Quantenwelt stoßen wir auf Phänomene, worin wir etwas von der Offenheit von Entwicklung und der Lebendigkeit von „Kindern“ erleben können. Doch erfordert dies, die herkömmlichen Konzepte, mit denen wir scheinbar sicher die Welt beschreiben, aufzuweichen. Die bestehenden Konzepte bestehen darin, dass wir das „Leben“ in unsere Vorstellungswelt „vereinnahmen“, was das Wesen der Objektivierung ist. Will man objektiv den Flug des Vogels verstehen, dann muss man ihn vom Himmel holen und seine Federn unter dem Mikroskop betrachten. In gleicher Weise hat die klassische Physik versucht das Wesen der Quanten zu analysieren, indem sie einzelne Quanten im Labor seziert. Doch in der Quantenwelt kommt der Mensch an seine Grenze, denn die Quanten lassen sich nicht einfach abtöten und ihres natürlichen Lebens berauben. Die Quanten springen von unseren Labortischen und zwingen uns in ihre Lebendigkeit – wie Kinder. In diesem Sinne sind die dargestellten „Länder“ keine realen Zustände, sondern Möglichkeiten, Entfaltungsräume, Optionen, Welten … Was sich darin ereignet, ist nicht vorherbestimmbar, sondern wird erst im Nachhinein erkennbar. Damit kommt eines der Fundamente des klassischen Denkens ins Wanken: aus der Kenntnis der Vorbedingungen die weitere Entwicklung vorherbestimmen zu wollen. In der Quantenwelt gilt dies nicht, wie auch dort nicht, wo wirkliche Lebendigkeit ist.

Unserem Konzept versteht Beziehung, Wesen, Wesentlichkeit in diesem Sinn: Geborgenheit ist keine Eigenschaft, sondern eine Möglichkeit. Dies klingt auf den ersten Blick eigenartig, wo wir doch gewohnt sind, in Eigenschaften zu denken, die ein Mensch, eine Situation, eine Methode „hat“. Modern gedacht, ist Geborgenheit ein offener Prozess; Geborgenheit kann sich „ereignen“, sie gleicht mehr einem freien Geschenk.  

3.       Entwicklungs-Räume – Milieus

Leben braucht für seine Entfaltung förderliche Bedingungen, ein Biotop. Menschliches Leben braucht jedoch mehr, als der Begriff umreißt. Dieses qualitativ Andere ist jedoch schwer zu fassen, denn wir sind es selbst, was wir fassen wollen. Dazu müssen wir uns an einen künstlichen Punkt außerhalb von uns begeben und uns selbst ansehen, was das Wesen von Abstraktion ist. Begeben wir uns daher in diese beobachtende Position, dann sehen wir den Menschen in verschiedene Entwicklungs-Räume eingebettet, die sich wie Zwiebelschalen überlagern. Zuinnerst lebt der Mensch in seinem eigenen Körper, der – wie die Landkarte zeigt – in Familie, Wohnung, Heimat, Beruf, Schule eingebettet ist.  

Damit können wir das, was die Biologie als Biotop bezeichnet, über die reine Biosphäre hinaus präziser fassen. Diese Entwicklungs-Räume braucht in abgewandelter Form auch ein Tier um zu einem lebenstüchtigen Wesen seiner Art heranzureifen.

Diese Entwicklungs-Räume sind für eine „natürliche“ Entwicklung erforderlich. Ein Entwicklungs-Raum ist wie eine Gebärmutter, der zeitlich abgestimmt die erforderlichen Bedingungen bietet. Der erste „Raum“, in dem sich das Werden des menschlichen Lebens ereignet, ist die Gebärmutter. Sie ist nicht nur ein realer Ort, sondern sehr viel mehr ein Wachstums-Milieu. Menschliches Leben braucht daher nicht nur das Organ als Ort, sondern das dadurch bedingte Milieu. In gleicher Weise ist die Familie, in die das neue Leben hineingeboren wird, mehr als nur ein sozialer Ort, sondern Familiarität ist das Wort für das vielfältige familiäre Milieu, welches das Kind in dieser Phase braucht. In einem analogen Sinn sind das Haus der Ort und die Häuslichkeit das Milieu; die Heimat der Ort und die Heimatlichkeit das zugehörige Milieu. Gelingt die Entwicklung in den „Räumen“, dann kann der Mensch in seinem eigenen Leben wieder für seine eigenen Kinder nicht nur die realen Räume organisieren, sondern das Entwicklungs-Milieu selbst leben.

3.1.       Familie vs. Familiarität

Ein Kind braucht Familie für seine Entwicklung, sie ist der Raum in dem das noch unreife Kind heranwachsen kann und die für seine Entwicklung erforderlichen Bedingungen und Anreize erhält. Diese Definition macht schon deutlich, dass Familie mehr ist, als nur ein beschützter Lebensraum. Die Entwicklung des Kindes braucht auch Offenheit als Bedingung für Lernen. Offenheit steht für die geistige Nahrung, die das Kind für seine kognitive Entwicklung braucht. Das Gegenteil von Familie wäre nicht nur die Schutzlosigkeit, sondern auch die interesse- und geistlose Stumpfheit. Mit einem anderen Wort ausgedrückt: ein Kind braucht für seine Entwicklung ein förderliches Milieu.

Dieses förderliche und in unserem Kontext, heilende Milieu, ist jedoch sehr viel mehr als die reale Organisation „Familie“, für das Kind ist das familiäre Milieu ein offener Raum an Entwicklungs-Möglichkeiten. Der Name für dieses Milieu ist Familiarität. Diese ist nicht an das gebunden, was wir uns gemeinhin als Familie vorstellen; Familiarität kann auch sein, ohne dass eine reale Familie mit Mutter und Vater besteht. Dies bedeutet: selbst bei einer nach gesellschaftlichen Normen perfekten Familie ist nicht automatisch Familiarität mitbegründet. Familiarität kann man nicht organisieren, nicht per Vertrag vereinbaren und nicht durch staatliche oder kirchliche Institutionen fordern – sie ist eine Qualität einer anderen Art. Familiarität ist auch nicht unbedingt an Kinder gebunden und an eine elterliche Beziehung. Wo immer Menschen zusammen leben, kann sich auch ein familiäres Milieu gestalten.

Dies führt zur Frage: Wie kann ein familiäres Milieu entstehen, wenn es nicht zu organisieren ist und wenn es nicht von äußeren Bedingungen abhängt?

Vermittelt wird ein Milieu durch Menschen, die es gestalten und in ihren Beziehung leben. Milieu hat mit Atmosphäre, Stil, Haltung, Ausstrahlung zu tun. Tritt man in ein familiäres Milieu, dann kann man es spüren. Ein Milieu ist eine Kraft, die eine Wirkung entfaltet. So löst ein familiäres Milieu behagliche Gefühle der Geborgenheit aus. Man fühlt sich nahe, verbunden, warm, behaglich, sicher; das Herz geht einem auf und man verweilt gerne.

Diese Kraft ist jedoch nicht einseitig, sondern ist, wie jede Kraft, eine Wechselwirkung. Dazu ist Zweierlei erforderlich: das Kraftfeld und die Person, auf diese Kraft wirkt. Wenn die Person die Kraft nicht spürt, oder abweist, dann geschieht auch keine Wechselwirkung. Damit wird auch der Unterschied zwischen Familie als Struktur und Familiarität als Kraftwirkung deutlich. Familiarität wird erst in der Beziehung erkennbar, wenn man sich öffnet und darauf einlassen kann. Nur dann können die verändernden und heilenden Kräfte des Milieus ihre Wirkung entfalten. Damit wird auch erkennbar, warum Familiarität keine organisierbare Struktur ist, sondern eine freie Beziehungs-Möglichkeit. Familiarität ist keine passive, sondern eine aktive Qualität.

Erfahrungen: Auch wenn von Menschen ein familiäres Milieu angeboten wird, erleben wir immer wieder Kinder, die dieses nicht spüren, oder sich bewusst dieser Kraftwirkung verweigern. Sie nutzen zwar die Vorteile, die damit verbunden sind, ohne sich wirklich einzulassen. Dieses „Sich-Einlassen“, sowohl von den Bezugspersonen, als auch vom Kind, ist das zentrale Geschehen eines Milieus. So erleben wir auch Menschen, die zwar scheinbar familiär wirken, doch ist diese Wirkung nur oberflächlich und an das gebunden, was sie für sich an Vorteilen ziehen – ein wirkliches Da-Sein geschieht nicht. So erweist sich Familiarität im Innersten als wechselseitige Entschiedenheit – der Bezugsperson und des Kindes. Diese Entschiedenheit ist auch das Wesen von Mütterlichkeit und Väterlichkeit.

3.2.       Mutter / Vater vs. Mütterlichkeit / Väterlichkeit

Was bezügliche Familie und Familiarität gilt, gilt auch für Mutter und Mütterlichkeit, Vater und Väterlichkeit. Eine reale Mutter hat das Kind geboren, doch heißt dies nicht, dass sie auch eine mütterliche Mutter ist. Mütterlichkeit wird nicht automatisch durch die Mutterschaft mitbegründet, sie ist nach Winnicott kein Urinstikt.

Die Annahme eines «Mutterinstinktes», der zwingend eine ganz besondere Verbindung zwischen Mutter und Kind herstellt, ist nicht bestätigt worden. Die Beziehung einer Mutter zu ihren Kindern wird durch ihre eigene Lebensgeschichte bestimmt; häufig sind in ihr Übertragungen nachweisbar (das Kind wird möglicherweise als Rivale erlebt, wie früher ein Geschwister). Allgemein sind die frühesten Bezugspersonen eines Kindes von besonderer Bedeutung für seine Persönlichkeit (Identifizierung). Dass unter diesen frühesten Bezugspersonen in den meisten Industriegesellschaften die Mütter eine besonders große Bedeutung haben, ist kein Naturgesetz, sondern ebenso das Ergebnis gesellschaftlicher Vorgänge wie die Berufstätigkeit meist nur des Vaters. In vielen Primitivkulturen wird diese Isolation von Mutter und Kind in der Kleinfamilie durch vielfältige Gruppenbeziehungen ersetzt. (http://www.psychology48.com/deu/d/mutter-kind-beziehung/mutter-kind-beziehung.htm)

Mutter-Sein und Vater-Sein sind daher keine „Instinkte“, sondern Rollen oder Funktionen, die im Kontext einer sozialen Gemeinschaft gelebt werden. Auch hier wird deutlich, dass Mütterlichkeit keine Struktur und kein Instinkt ist, sondern eine Beziehungs-Möglichkeit, die sich zwischen einer Person und einem Kind ereignen kann, die jedoch nicht unbedingt an die leibliche Mutter gebunden ist. Wie schon an der Familie und der Familiarität gezeigt, sind Mutter und Mütterlichkeit zwei verschieden Qualitäten. Die reale Mutter ist eine formale Instanz, die nicht automatisch mit der Geburt des Kindes auch mütterlich ist. Liegt eine zeitliche Konstanz der Rolle „Mutter“ vor, dann wird diese Person als Mutter instanziert. Mutter, Vater, Onkel, Freund, Bruder, Frau, Chef, Pfarrer, … sind solche gesellschaftlichen Instanzen, die unser gesellschaftliches Leben bestimmen.

Diese formalen Instanzen, die mit Rolle, Funktion und Status verbunden sind, können jedoch wesentlich mehr sein, wenn sie ein Mensch nicht nur als Funktionsträger ausübt, sondern mit seinem ganzen Wesen lebt, weil er sich dafür entschieden hat. Erst diese Entschiedenheit schafft die Mütterlichkeit (wie Väterlichkeit, Brüderlichkeit, Fraulichkeit, Cheflichkeit, Priesterlichkeit, Ärztlichkeit, Lehrerlichkeit, Meisterlichkeit …); sie ist keine Rolle, sondern Wesen, Haltung. Wie Familiarität, ist Mütterlichkeit ein Milieu, indem sich ein Kind entwickeln kann, doch liegt es auch im Kind, wieweit es sich öffnet und einlässt.

Dieses besondere Milieu wird auch in den Begriffen (Dimensionen) deutlich, mit denen wir versuchen, die Mütterlichkeit erlebbar zu machen. Nähe, Weichheit, Wärme, Herzlichkeit, … sind keine Rollen, die man übernehmen kann, wie z.B. das Stillen eines Kindes (das Unterweisen eines Schülers, das Managen eines Betriebes) und die man an eine Amme übertragen oder von einer Säuglingsschwester erledigen lassen kann. Mütterlichkeit ist mit der Person verbunden und ist direkter Ausdruck des Wesens eines Menschen und der Beziehung, die sich ereignet. Rollen sind mit Aufgaben und Kompetenzen verbunden, die man übernehmen und die man lernen kann, doch kann man Wesen nicht lernen. Eine Person ist nahe, ist weich, ist warm und ist herzlich.

3.2.1.      Exkurs Entschiedenheit

Die wirklich prägende, bildende und damit auch heilende Bedeutung erhält eine Person für ein Kind nicht durch die perfekte Erfüllung seiner Rolle, sondern diese hängt an Faktoren, die mit der menschlichen Freiheit verbunden sind. Grundbedingung ist nicht die äußere, sondern die innere Entscheidung. Die formalen Aufgaben, die mit der professionellen Rolle eines Lehrers, Meisters, Erziehers, Arztes … verbunden sind, können vertraglich geregelt werden, doch nicht die innere Entschiedenheit. Diese erzeugt eine ganz andere Art der Beziehung zum Kind, das als gleichwertiger Mensch neben einem steht und dem man sein Innerstes öffnet. Damit wird das Kind Teil des eigenen Lebens, und auch der eigenen Entwicklung, und man selbst wird Teil des Kindes und seiner Entwicklung. Das eigene Leben und das Leben des Kindes werden durch die gegenseitige Entscheidung „verschränkt“ (das Wesen von Beziehung). Dies kann nur geschehen, wenn man sich einlässt und beide ihre Autonomie auflösen. Wer sich wirklich einlässt der verliert Autonomie, doch gewinnt er Lebendigkeit. Offenheit, sich durch die Beziehung selbst verändern zu lassen, ist ein Kennzeichen dieses Lebens, das im Gegensatz zur funktionalen Beziehung steht, worin die zu erledigenden Aufgaben nicht offen, sondern klar definiert sind. Doch nur dort, wo diese Offenheit gewagt wird, kann sich Leben ereignen. So sind die aufgeführten Dimensionen der Menschlichkeit allesamt Qualitäten der Entschiedenheit und damit auch der Liebe zum Kind.

Blicken wir mit dieser Klärung auf die Beziehung zu Kinder, dann wird das Urbedürfnis des Menschen, klar erkennbar, das im Kinde noch nicht verstellt ist: der „Geist“ im Kind wird durch entschiedene Menschen entzündet, dies ist ein Urbedürfnis, eine Ursehnsucht des Kindes und wohl jedes Menschen. Kinder wollen sich mit ihrem Gegenüber identifizieren; sie wollen nicht eigentlich Stoff vermittelt bekommen, sondern wollen ihr Gegenüber lieben und wollen von diesem geliebt werden. Geschieht dies, dann lösen sich die Probleme auf, die für einen Funktionsträger übermächtig sind; dann wandeln sich Kinder von kräftezehrende Ungeheuern in unendlich lebendige Kraftquellen.

(Anmerkung: ich gewinne den Eindruck, dass wir uns zunehmend in eine funktionale Welt wandeln, weil wir dem Wahn erliegen, alles funktional verstehen und beherrschen zu können. Das Menschliche geht verloren, wenn sich alles auf vertraglich Regel- und Einklagbares wandelt und nur mehr das existiert, was einen monetären Wert hat. Dadurch entsteht zunehmend ein neues Ideal: das perfekte Funktionieren, worin derjenige ein hohes Ansehen hat, der dies organisieren kann. So wurden Schulen, Gemeinden, Praxen, Kliniken, … organisiert, und die Menschen darin wurden zu Objekten dieser Organisationen, die nach ihrem Funktionswert gemessen werden.)

3.2.2.      Exkurs Freiheit

Wenn die Entschiedenheit die Herzqualität ist, dann ist zu fragen, wie diese geschieht?

Philosophisch ausgedrückt, ist eine Entscheidung eine Dimension der Freiheit. Es mag ungewohnt erscheinen, die Mutter-Kind-Beziehung in diese Freiheit zu stellen, da das Kind gemeinhin als unfreies, abhängiges und versorgungsbedürftiges Wesen gesehen wird. Wenn sich zwischen Mutter und Kind eine menschliche Beziehung ereignet, dann entsteht die Würde einzig durch die Freiheit, erst dann ist es eine spezifisch menschliche Beziehung und kein Akt formaler Dressur.

Um dies fassen zu können, haben wir zwischen Familie und Familiarität unterschieden. Die Struktur Familie ist determiniert, doch Familiarität ist eine freie Beziehungs-Qualität, die – wie dargestellt – nicht einfach organisiert werden kann. Heute herrscht eine Einstellung vor, als sei alles machbar, wenn man nur die entsprechend richtigen Eingriffe vornimmt. Dagegen stellen wir die Freiheit des Menschen, die wir auch schon beim Kleinkind erkennen. Freiheit ist nicht an eine bewusste Erkenntnis von Alternativen gebunden, dies ist die Freiheit der Wahl auf einem Markt; Freiheit ist eine Wesenseigenschaft des Menschen – ihr Raum ist die Beziehung. Vor diesem Hintergrund ist die Mütterlichkeit eine freie Beziehungs-Qualität, für die sich beide, Mutter und Kind entscheiden müssen. Diese Entscheidung geschieht, wenn ein Mensch sein Wesen in die Beziehung einbringt, d.h.: wenn er ganz da ist. Entschiedenheit ist frei von Wertungen, man ist nicht da, weil man einen bestimmten Vorteile erreichen will, sondern: man hat sich entschieden da zu sein, unabhängig (frei) von den damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Diese eigene Entschiedenheit schafft das Milieu der „Mütterlichkeit“, was wesentlich anderes ist, als die Rolle „Mutter“.

Erfahrungen: Kinder spüren hochsensibel die innere Entschiedenheit im anderen und richten ihr Verhalten danach aus. Doch erleben wir auch ein Urbedürfnis des Kindes nach Entschiedenheit denn evolutionsbiologisch gesehen, bietet diese die besten Überlebensbedingungen in Krisen. Entschiedenheit ist auch die stärkste pädagogische Kraft, denn ein Kind setzt alles daran, diese „existenzielle Sicherheit“ nicht zu verlieren.

Der tiefste Sinn von Erziehung besteht darin – die in Bildung mündet –, diese innere Entschiedenheit im Kind zu bewirken, d.h. das eigene Tun nicht nur von zu erlangenden Vorteilen und zu vermeidenden Nachteilen bestimmten zu lassen, sondern etwas zu tun, weil man selbst dazu steht und sich selbst treu bleiben will. Entschiedenheit ist auch der beste Garant für ein erfolgreiches und zufriedenes Leben: was man entschieden, d.h. mit Hingabe tut, gelingt. 

3.3.       Heimat, Zuhause / Heimatlichkeit

Wie die Familiarität, ist auch die reale Heimat etwas anders als Heimatlichkeit. Dieser Gegensatz drückt sich auch in der Schwierigkeit aus, den Begriff Heimat zu definieren. Im allgemeinen Sprachgebrauch erscheint er zum einen mit eigenen wohligen Erinnerungsbildern und Gefühlen belegt, zum anderen wirkt er in einer globalisierenden Welt anachronistisch.

Die reale Heimat ist der Ort an dem man geboren wurde, es ist der Ort der Familie und der eigenen Kindheit: „Heimat ist der Ort, wo meine Wiege stand“. Mit der Heimat verbunden sind Grundprägungen durch Landschaft, Sprache, Mentalität der Menschen, Kultur und Tradition. Wo immer wir in unserem Leben auf Ähnliches stoßen, werden heimatliche Gefühle in uns wachgerufen.

Heimatlichkeit ist jedoch mehr. Menschen können in einem bestimmten Umfeld aufwachsen, das mit Gefühlen aus der eigenen Kindheit verbunden ist und sich doch nicht heimatlich fühlen. Heimatlichkeit ist an Menschen gebunden, was sich in dem Spruch ausdrückt: Heimat ist, wo meine Freunde sind. Heimatlichkeit ist ein Sehnsuchtsbegriff nach Geborgenheit, ein Ort tiefen Vertrauens und Verlässlichkeit. Nur Menschen können Verlässlichkeit, Vertrauen und emotionale Geborgenheit vermitteln: „Heimat ist, wo ich mich geborgen fühle, dort ist mein Zuhause“. Wo dies ist, dort fühlen wir uns wie im „Himmel“. Würden an einem heimatlichen Ort keine vertrauten Menschen mehr sein, dann würde auch die Heimatlichkeit vergehen.

3.4.       Haus, Hausstand / Häuslichkeit

Wie schon in anderen Bereichen, ist es auch hier sinnvoll, zwischen Haus und Häuslichkeit zu unterscheiden. Haus ist der reale Lebensort, die Wohnung, das Zuhause, die Adresse, unter der ich zu erreichen bin, der für das Kind lebens- und überlebensnotwendig ist. Im Wort „Behausung“ klingen archaische Bedürfnisse nach einer bergenden Höhle durch, die Schutz und Geborgenheit in der Unbill des Lebens bietet. Mit der Wohnung ist der Hausstand verbunden, der auch für die soziale Einbettung, das Ansehen und die Stellung der Familie bedeutsam ist: „man ist, was man hat“. Das Erscheinungsbild mittelalterlicher Städte ist sichtbarer Ausdruck dieses Bedürfnisses, die soziale Stellung sichtbar werden zu lassen. Das Haus und der Hausstand sind auch prägende Faktoren des Selbstverständnisses und des Selbstbewusstseins.

Das „Haus“ ist der umbaute Raum. Im Gegensatz dazu, ist Häuslichkeit eine ganz andere Qualität, es sind die emotional besetzten Orte, die mit vielfältigen Erlebnissen aus der Kindheit verbunden sind. Jeder kennt die wohlig aufsteigenden Gefühle, wenn man die Räume und Flure im Haus denkt, in denen man als Kind seine Spielwelten inszenierte. Die Bausteine der Häuslichkeit sind nicht Ziegel, sondern Menschen, Erlebnisse, Gefühle, Erinnerungen und Geschichten. Damit wird deutlich, wie sehr Häuslichkeit mit dem Erleben der Sicherheit und Geborgenheit verbunden ist. Wie Tiere bei Gefahr in ihre Höhle flüchten, so braucht auch der Mensch einen solch bergenden, angstlindernden Ort. Ein häusliches Haus ist wie eine Fluchtburg in den Gefahren des Lebens, es ist aber auch eine Quelle, wo man Kraft und Zuversicht für die Herausforderungen des Lebens schöpfen kann.

Beobachtet man Kinder, dann kann man ein Pendeln zwischen Draußen und Drinnen erleben. Je sicherer sich das Kind fühlt, desto größer wird auch zunehmend der Abstand vom Haus, den es sich zutraut, bis hin zur Ablösung in die Erwachsenheit. Doch auch im späteren Leben bleibt das Zuhause ein Ort der heilenden Rückzug, Verstehen und Heilung bietet und wo man Zuversicht tanken kann, wie man es von früher her kennt. Mit der Veränderung sich globalisierender Lebensbedingungen besteht die Gefahr, dass diese natürlichen Quellen immer mehr versiegen und der Menschen nicht nur entheimatet, sondern auch enhäuslicht wird.

Dieses positive Ideal macht die Lebenserfahrungen und Lebensprägungen vieler unserer Kinder nachfühlbar und die existenzielle „Entbergung“ erahnbar, die durch viele Umzüge bestimmt ist, verbunden mit dem Grundgefühl, dass einem nichts gehört, man nicht dazugehört, man überall nur ein gelittener Gast ist.

Kinder übertragen den Besitz der elterlichen Bezugsperson auf sich: … es ist unser Besitz, worauf ich stolz bin. Eng verbunden mit dem Hausstand ist in unserer Kultur die Väterlichkeit, die mit der Rolle und Status des Familienoberhaupts oder des Hausherren verbunden ist. Im Rahmen der Genderphilosophie klingen solche Begriffe heute unmodern, doch ist zu fragen, ob dahinter nicht Grundbedürfnisse des Menschen stehen, die vor allem in der Kindheit und für die Entwicklung bedeutsam sind. Unsere Erfahrungen zeigen, dass für die Indentitäts-Prägung des Kindes der Häuslichkeit eine entscheidende Bedeutung zukommt. Für die Neufundierung eines Kindes ist ein Haus – im Sinne einer sicheren Burg – eine wesentliche Bedingung der Sicherheit und Verlässlichkeit und damit auch der Geborgenheit. Dies ist jedoch nicht nur das reale Haus (Wohnung), sondern auch der Hausvater als persönlich erlebbarer Garant der Sicherheit. Auch Besitz wirkt in diesem Sinne bergend, denn viele Kinder kommen oft aus prekären Lebensbedingungen und haben die entbergende Bedrohung durch die Armut unmittelbar erlebt.

3.4.1.      Küche

Sucht man nach den speziellen Bedingungen, die mit der Häuslichkeit verbunden sind, dann ist die Küche nicht nur ein zentraler Wort des Hauses, sondern auch der Häuslichkeit. Küche ist ein ganz besonderer Ort, vom dem eine fast magische Kraft ausgeht. Nach der Haut der Mutter ist die Küche zunehmend der zentrale Ort im Leben eines Kindes, sie ist die erste kleine Welt, worin die sozialen Urerfahrungen des Kindes geprägt werden. In diesem Raum werden nicht nur andere Menschen erfahren, sondern Küche ist für das Kind auch ein Ort vielfältiger neuer Dinge, die zuerst mit Mund und Zunge erkundet werden.

Küche in diesem Sinne zu erleben, wird heute als idealisierende Sozialromantik abgetan; heutige Küchen sind in ihrer Optik, ihren Materialien und ihrer Funktionalität das Symbol des neuen Lebensstils, in dem Kinder kaum mehr eine Rolle spielen – sie sitzen unbeteiligt vor ihrem Tablet, während Mutter das Fertiggericht in die Mikrowelle schiebt. 

In einer Kultur der Geborgenheit kommt der Küche eine enorme Bedeutung zu, sie ist der zentrale Ort, an dem Gesellschaft gelebt und erlebbar wird. Es ist der Ort, an dem Mütterlichkeit im Zusammenwirken mit dem Kind sich inszenieren kann und die Mutter für das Kind auch zeitlich verfügbar ist.

3.4.2.      Essen

Traumatisierende Lebensumstände prägen die Grundbeziehungen in allen Lebensbereichen: Fühlen, Essen, Schlafen, Bewegung, Haltung, Sprache – alle seelischen und körperlichen Funktionen werden beeinträchtigt, bis hin zur Lebenserwartung. Die Lebensbedingungen vieler unserer Kinder waren durch Verwahrlosung, Gewalt, Mangel, doch vor allem durch Unzuverlässigkeit der Bezugspersonen auch in der Versorgung der Grundbedürfnisse des Kindes bestimmt.

Das erste und tiefste Fundament des Ur-Vertrauens in die Welt ist zu erleben, dass das Kind die Stillung von Hunger und Durst durch entsprechende Laut- und Bewegungs-Äußerungen beeinflussen kann. Hierdurch entsteht ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens in die Welt, und in die Bezugsperson. Besteht diese Verlässlichkeit nicht, dann ist das erste Welterleben von Unsicherheit geprägt – es kann seine elementaren Bedürfnisse nicht befriedigen, sondern erlebt sich ausgeliefert. Besteht hier keine korrespondente Beziehung, dann wird über die Nahrungsaufnahme die erste Elementarbeziehung schwer gestört, was das Kind auf alle andere Lebensbereiche generalisiert (> orale Phase). In späteren Lebensabschnitten erleben wir dieses gestörte Essverhalten bis hin zu schweren Essstörungen.

Die Psychoanalyse – nicht zuletzt im Gefolge von Erikson und Spitz – betont immer wieder die große Bedeutung des 1. Lebensjahres für die gesunde Lebensentwicklung und zeigt auf, dass ein Mensch, der sich in der oralen Phase von den Eltern, insbesondere von der Mutter, angenommen und emotional geborgen fühlt und der die Grunderfahrung macht, dass seine Bedürfnisse mit aller Selbstverständlichkeit befriedigt werden, das sog. Urvertrauen ausbildet. Dieses Urvertrauen begründet für das ganze Leben eine Grundgestimmtheit, die dazu ermutigt, sich den Anforderungen des Lebens gegenüber positiv einzustellen und sein Wirken als sinnvoll zu erleben. Fühlt sich hingegen das Kind abgelehnt, muss es auf eine geregelte Pflege und Ernährung durch die Mutter verzichten, wird es gar vernachlässigt oder geschlagen (was leider vorkommt) und erfährt es zu wenig oder keinen natürlichen Körperkontakt mit den Eltern, so entwickelt sich das sog. Urmisstrauen, eine Grundgestimmtheit des Pessimismus, die zu chronischer Verweigerung, zu Versagertum und zur Selbstablehnung führt. (http://www.bruehlmeier.info/freud.htm)

Essen ist daher ein sehr fundamentaler Bereich im Rahmen einer Neufundierung. Um dies zu erreichen, müssen alte Prägungen aufgelöst werden. Dies betrifft zum einen die Regelmäßigkeit und über die Art der Speisen auch den Geschmack (weg von Fastfood, Fertiggerichten, Nutella, Chips, extremen Konsum von Süßigkeiten, etc.). Eine Neuprägung geschieht auch über die Kultur der Essensbereitung: Essen wird selbst zubereitet, um eine Veränderung der Beziehung zur Nahrung zu erreichen. Die bisherige Nahrung war vorrangig durch das bestimmt, was das Kind wollte und was schnell verfügbar ist und durch Werbung auch entsprechend angeboten wird. Oftmals besteht in Verbindung mit Bewegungsmangel auch Übergewicht.

Konkret: Gemüseanteil erhöhen, Süßigkeiten reduzieren (1x/Woche), Ausgewogenheit, geschmackliche Vielfalt, eigene Marmeladen, selbst mitkochen, Esskultur verändern: Geschirr, Tischkultur, Regelmäßigkeit, feste Zeiten, Obst, Feste mit besonderen Speisen, Salat, Beziehung zum Essen, Personifizierung des Essens, Wertschätzung dessen, der gekocht hat, weg von der anonymen gekauften Einheitskost, Essen als Lebenskultur erleben, Gemeinschaftliches Essen …)

3.4.3.      Eigenes Zimmer, Schlafen

Raum und Zeit sind nicht nur physikalische Grundgrößen, sie sind es auch für jeden Menschen. „Mein“ erster Raum, in dem ich Mensch wurde, ist die Gebärmutter. Die Geburt ist nicht nur ein körperlicher Stress, sondern die erste Entheimatung für einen Menschen. Daher ist es wichtig, dass das Neugeborene wieder in einen erlebbaren Raum hineingeboren wird.

Raum ist durch Grenzen bestimmt, Grenzen die fühlbar sind, und die als Urerfahrung das Raumerleben prägen. (Anmerkung: viele Kinder die bei uns angemeldet werden, werden als entgrenzt beschrieben, mit der pädagogisch therapeutischen Anforderung der Grenzsetzung und Eingrenzung.) Auch im späteren Leben sind wir Menschen raumzentriert, was sich auch in den Gartenzäunen um den eigenen kleinen Vorgarten ausdrückt. Menschen bedürfen dieses privaten Raumes als Bedingung für die Erfahrung von Intimität.

Anmerkung: Als kritisch erleben wir die zunehmende Unterordnung dieses elementaren Bedürfnisses des Menschen unter funktionale Erfordernisse der Arbeitswelt. Entmenschlichender Ausdruck dieses Zeitgeistes ist das moderne Großraumbüro, bei dessen Gestaltung die funktionale Optimierung (letztlich der Gewinn) leitend ist, wie bei der Gestaltung von Legebatterien. Die Intimitätsbedürfnisse des Menschen werden auf das Familienbild auf dem Schreibtisch reduziert. Es stellt sich die Frage, ob Burning-Out nicht auch durch diese Lebensbedingungen der „Enthausung“ bedingt wird. Auch die sozialen Medien sind wie Großraumbüros, in denen es keine Privatheit und Intimität gibt.

Ein Ur-Ort des Menschen ist der Schlafplatz mit dem eigenen Bett. Sich aus Decken einen Höhle zu bauen, ist ein Urbedürfnis jedes Kindes. Höhlenbauen auch eines der zentralen Spielthemen unserer Kinder. Ein eigenes Zimmer zu haben, das man sich nach eigenen Vorstellungen behaglich einrichten kann, ist eine elementar heilende Bedingung. Es ist ein Rückzugsort, der Sicherheit bietet, doch vor allem Intimität.

Intimität ist für uns als eine hervorgehobene heilende Bedingung bedeutsam geworden – Geborgenheit ist immer intim und nicht öffentlich. Doch muss auch immer bewusst bleiben, dass auch das schönste Zimmer, das nach pädagogischen Prinzipien höhlenartig-bergend gestaltet wurde, keine Intimität bietet, wenn nicht Menschen dahinter erlebbar werden. Intim kann kein Zimmer sein, sondern immer nur eine Beziehung zu einem Menschen. Die Gestaltung des Zimmers muss daher Ausdruck / Abbild der Beziehung zu den Kindern sein, um heilend zu wirken. (Anmerkung: Dieser eigentliche wirksame Faktor ist mittels offizieller Kriterien schwer zu messen. Schulhäuser, Heime, Kliniken können nach formalen und professionellen Kriterien perfekt gestaltet sein und doch eine entbergende Kälte ausstrahlen. Leider treten im Rahmen des allgemeinen Trends nach funktionaler Qualitäts-Perfektionierung diese schwer messbaren, doch eigentlich zutiefst menschlichen Bedürfnisse immer mehr in den Hintergrund.) 

3.5.       Bewegung, Spielen, Motorik

Der Motorik kommt im Rahmen der Neufundamentierung eine große Bedeutung zu. Über die Motorik ist es möglich, langsam und ohne soziale Konflikte, ein neues Körpergefühl und Körperbewusstsein aufzubauen. Im Rahmen der Neufundierung ist das veränderte Körperbewusstsein und Körpergefühl ein neues Teil-Fundament, das außerhalb belasteten Terrains entstehen kann.

Zu den Traumafolgen gehören als elementare Überlebensprogramme die körperliche Erstarrung (Totstellreflex), der Rückzug, das Sich-Verkriechen, das Stillhalten, das Nichtauffallen. Auch die ich-lose Anpassung und die Grundhaltung, nicht aufzufallen und sich zu verkriechen, sind Überlebensstrategien, um der oft unberechenbare Aggression des Täters auszuweichen, oder diesen zu besänftigen. Daher kommt der Motorik eine kausale therapeutische Bedeutung zu, diese traumabedingte körperlich Gebundenheit und Erstarrung wieder zu lösen. Gerade dieses neue Körpergefühl ist wesentlich, um die alten Lernerfahrungen und Prägungen des Körpers im Trauma (>Levine) langsam aufzulösen.

Die Motorik bietet jedoch auch hervorragende Möglichkeiten, die eigene Kompetenz zu erleben, sehr viel mehr als kognitive Tätigkeiten. Die eigene Leistung wird für andere sichtbar und im eigenen Körper erlebbar. Mit dem Fahrrad frei und ohne Stützräder fahren zu können, öffnet dem Kind ein ganzes Universum an Selbsterfahrung in der Beherrschung und der Eroberung der Welt. Es ermöglich ihm auch Rückschläge und Verletzungen zu überwinden und zu lernen, dass man diesen nicht hilflos ausgeliefert ist. Motorik ist auch die Grundlage sozialer Lernprozesse, die im kindlichen Spiel vorrangig über Bewegung erfolgen.

3.6.       Natur, Tiere

3.7.       Beruf, Beruflichkeit

4.       Symbole und Riten

4.1.       Äußere Symbole und Codes

Die Entwicklung des spezifisch Menschlichen geht parallel mit der Fähigkeit zum symbolischen, d.h. abstrahierenden Denken. Symbole sind Stellvertreter, die für etwas stehen. Die enormen Möglichkeiten von Symbolen liegen in ihrer Freiheit, denn die Art des Symbols ist völlig unabhängig von dem, was es symbolisiert. 

Jedes Wort ist ein Symbol, das für ein Ding, eine Handlung, eine Beziehung, eine Anzahl, eine Eigenschaft steht. Eine andere Art von Symbolen sind Zeichen, aus denen unsere Schrift besteht. Alles kann als Symbol verwandt werden; entscheidend ist die Definition, d.h. die Vereinbarung der Bedeutung. Kinder diese Bedeutung zu vermitteln, ist eine der zentralen Aufgaben der Erziehung, wodurch sie Mitglied der jeweiligen Symbolgemeinschaft werden. Diese „Einweihung“ in den gemeinsamen Code, umfasst nicht nur die Worte und die Grammatik, sondern auch kulturspezifische indirekte Codes (Werte, Haltungen, Wertschätzung, Stil, …), die über Tonfall, Gestik, Mimik, Berührung, … vermittelt werden.

Durch die Kenntnis des Codes wird jemand Mitglied einer Gemeinschaft. Wer die mathematischen Symbole und deren Grammatik kennt, ist Mitglied der Gemeinschaft der Mathematiker. Dies gilt universell. Eine biologische Art ist dadurch definiert, dass die Mitglieder nicht nur die gemeinsamen Zeichen verstehen, sondern dass sich auch die Gene verständigen und Information austauschen können. Vor diesem Hintergrund, ist eine Familie eine eigene Kleingruppe mit ihrer eigenen Symbolwelt. Zugehörig ist jemand, der die Sprache der familiären Intimität versteht. Diese inneren Codes sind Kürzel die für bestimmte redundante Abläufe oder Bedeutungen, wie sie für das Familiensystem typisch sind.

Durch ein  Symbol ist es möglich, die Kommunikation zu vereinfachen und für Wiederkehrendes ein Zeichen zu vereinbaren. Dieser Trend zur symbolischen Vereinfachung ist kennzeichnend für Gemeinschaften, wie die Familie, die Arbeitsstelle, die Schulklasse, der Freundeskreis, die Gruppe von Spielgefährten, oder der „Facebook–Freundeskreis“. Gerade soziale Medien haben eine Fülle von Kürzeln hervorgebracht, um schnell auf dem Tablet etwas mitteilen zu können. Gerade diese Entwicklung zeigt jedoch auch die Gefahr der Verarmung der kommunikativen Vielfalt. Neben dem Artensterben, stehen wir mitten in einem dramatischen Sprachen- und Dialekt-Sterben. Gerade mit dem Sterben von Dialekten geht auch eine enorme Vielfalt an ganzheitlich-emotionalen Ausdrucksmitteln verloren. Die Kommunikation wird immer rationaler und faktischer. Was heißt dies für die Erziehung und für die Heilung?

Kinder fühlen sich von Geheimsprachen angezogen, deren Code nur sie und andere kennen. In dieser Weise grenzen auch die familiären Codes eine intime Gruppe ein, die die Bedeutungen und die Grammatik der Privatsprache kennen. Dialekte wirken Identitätsbildend. In dieser Weise sind interne Symbole und Zeichen Bausteine der Intimität, ihre Kenntnis vermittelt Geborgenheit. Ich habe nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch meine eigene „Sprache“.  

4.2.       Riten


Wenn wir in der Menschheits-Entwicklung zurückblicken, dann hatten symbolische Handlungen in vorrationalen Kulturen eine große heilende Bedeutung. Riten sind Symbolhandlungen, denn einem formal festgelegten Handlungsablauf wird eine Bedeutung zugewiesen.

Rituelle Handlungen sind tief mit der menschlichen Religiosität verbunden. Deutlich wird dies in der Definition eines Sakraments durch die Theologie: es ist eine Zeichenhandlung, die das bewirkt, worauf das Zeichen zeigt. So ist die geglaubte Wirkung der Tauf-Waschung die Reinwaschung von Süden. Rituelle Handlungen sind auch Kennzeichen animistischer Religionen. „Animismus ist die spirituell-religiöse Vorstellung von der Beseeltheit aller Naturerscheinungen.“

In einem animistischen Weltverständnis sind auch Pflanzen und Tiere beseelte Wesen; es besteht eine innere Verbundenheit, was auch einen unmittelbaren Kontakt ermöglicht. Da das Natürliche eine direkte Wesensäußerung des Göttlichen ist, besteht damit auch eine direkte Beziehung zum Göttlichen, die durch Priestern oder Schamanen mittels ritueller Handlungen vermittelt wird. Schamanen verstehen den Code der rituellen Symbolsprache zwischen Mensch und Gott. Rituelle Handlungen sind daher mehr als nur formalisierte Handlungsabfolgen, wie z.B. ein Tanz, sie sind mit dem Glauben verbunden, dass der Ritus eine Wirkung über die Welt hinaus vermittelt. Riten sind wie Brücken ins Jenseits, außerhalb des sinnlich Erfahrbaren. Für einen gläubigen Menschen ist diese Wirkung kausal; d.h. er glaubt im Sinne einer Ursachen-Wirkungs-Kette, dass seine rituelle Handlung die definierte Wirkung auslöst. (Der Ritus, bestimmte Worte in definierter Weise durch einen geweihten Priester zu sprechen, wandeln Brot in Fleisch Christi.) Für den Gläubigen ist dies (rituelle Handlung > Wirkung) kausal, und wohl kausal zwingender, als alle weltliche Kausalität.

In rituellen Handlungen finden wir daher eine elementare Kausalität, die in der Entwicklung des Menschen vor der rationalen Kausalität steht. Mit dem Siegeszug der rationalen Kausalität, wurde die rituelle Kausalität nicht aufgelöst, sie besteht weiterhin, auch wenn sie aus dem Blick der Rationalität anachronistisch erscheint – es ist die Welt des Glaubens. (Anmerkung: Es ist paradox, dass in der Theologie das Arationale mit einem rationalen Überbau versehen wird, und damit dem eigentlich Magischen eine Pseudorationalität verliehen wird.)

Welche Bedeutung hat all das für die Erziehung und für die Heilung von Kindern?

Nach der Vorstellung, dass die individuelle Entwicklung des Menschen in groben Zügen auch die Entwicklung der Menschheit nachvollzieht (Rekapitulationstheorie), finden wir auch im Kind eine Art animistische Phase, oder anders ausgedrückt, eine Phase der rituellen, ganzheitlichen Kausalität (>Piaget). „Die neuere Entwicklungspsychologie hat gezeigt, dass Beseelung bzw. Beseeltheit ein primäres Erlebnis der kindlichen Psyche ist, wohingegen die Abstraktion „toter“ Dinge von „lebendigen“ erst eine Leistung des herangewachsenen Menschen auf Grund des Lernens und der Gehirnentwicklung ist.“ Mit anderen Konzept-Worten ausgedrückt, lebt das Kind in einer frühen Phase in einer Subjekt-Beziehung, die Objekt-Beziehung kommt erst später und ist mit der Entwicklung des Egos verbunden.

Animistische Beseelung heißt, die natürlichen Wesen nicht als seelenlose Objekte zu verstehen, sondern als Wesen, denen eine Seele innewohnt, wie man sie in sich selbst erlebt. Mit anderen Worten ausgedrückt, ist das Verhältnis zur Natur keine Subjekt-Objekt-, sondern eine Subjekt-Subjekt-Beziehung. Subjekte stehen auf der gleichen Stufe, die Beziehung gleichwertig und partnerschaftlich – es besteht eine innere Verbundenheit. Ideal gesehen leben animistische Kulturen in einer Art geschwisterlichen Einheit mit der Natur, was jede Art von Ausbeutung tabuisiert. Durch diese subjektive Verbundenheit ist auch das eigene Tun ganz anderes, als in einer Objekt-Beziehung: es gibt keine Kausalität, denn die eigenen Handlungen und ihre Wirkungen sind Teil eines gemeinsamen Regelkreises – sie sind eins.

Diese „Beseeltheit“ bestimmt die frühe Kindheit, nicht nur der Beziehung zur Mutter, sondern auch der allgemeinen Beziehung des Kindes zu Welt. Die Trennung in Objekt und Symbol ist noch nicht vollzogen. Diese „magische Einheit“ ist im kindlichen Spiel zu beobachten: Spielsachen, Puppen, Teddybären sind nicht Symbole, sondern beseelte Wesen einer gemeinsamen Welt. Erkennbar wird dies an der Sprache: Das Wort „Bärli“ für den Teddy des Kindes ist noch kein „Sprachsymbol“, sondern ein „Name“. Das Wort „Teddybär“ als Bezeichner für eine Klasse von Plüschtieren, kommt erst später, wodurch es möglich wird, Bärli als Element einer Gattung zu abstrahieren. 

In gleicher Weise besteht auch eine Art „magische Beziehung“ zu den Bezugspersonen, vorrangig zur Mutter. Auch sie ist kein Objekt, mit Eigenschaft, sondern Mutter und Kind sind innerlich eine Einheit (Mutter-Kind-Dyade). Erst später kommt es zu einer Auftrennung dieser Symbiose. Nun erkennt das Kind die Mutter als eigene, von sich getrennte Person. Damit erhält auch das „Schreien“ eine neue Bedeutung, es ist nicht mehr Signal in einem Regelkreis, sondern wird zu einem Sprachsymbol, d.h. es codiert einen inneren Zustand, es erhält Bedeutung, die zwischen Kind und Mutter vereinbart werden muss. Damit werden jedoch auch andere Personen zu Müttern, die diese Bedeutung verstehen.

Was heißt dies für die Schädigung und für die Heilung von Kindern? Wird durch ein Trauma nicht auch diese Urgeborgenheit in einer animistisch beseelten Welt zerbrochen? Ist diese elementare Entfremdung die Ursache für die z. T. bestehende Unheilbarkeit? Liegen dort die Ursachen der Autonomie und Beziehungsstörung?

Da dem Kind (in seiner animistischen Wirklichkeit) noch keine Objektivierung (abstrahierende Deutung des Geschehens) möglich ist, jedoch das andere Subjekt entseelt erscheint, bleibt nur noch die Abspaltung des eigenen Subjekts als autonomes, entseeltes, letztlich beziehungsunfähiges Subjekt. Dies haben wir vereinzelt immer wieder bei Kindern erlebt, die trotz intensiver Zuwendung und Liebe zu keiner Subjekt-Beziehung imstande waren. Diese fast unverständliche, faste entseelte Autonomie, können wir uns nur aus einer Urerfahrung der entseelten Ungeborgenheit erklären. Letztlich mussten wir davor kapitulieren, was es erforderlich machte, unseren pädagogischen Anspruch umzudefinieren. Das Ziel „Heilung der Beziehung“ mussten wir in eine verhaltenstherapeutische Anpassung an die Gegebenheiten des Lebens umdefinieren. Ob eine Beseelung im späteren Leben noch möglich ist, das können wir nur hoffen.

4.3.       Interne Symbole

Symbole werden nicht nur zwischen Menschen definiert, sondern jeder Mensch hat seine eigene Symbol-Welt, die nur für ihn selbst eine Bedeutung hat – wir nennen sie interne Symbole. Interne Symbole vereinfachen die Beziehungen. Unser Gehirn versucht in den Informationen Muster oder Gesetzlichkeiten zu erkennen, wodurch die Komplexität enorm reduziert werden kann.

Trete ich in eine Beziehung zu einem Kind, dann läuft ein interner Prozess ab, in den Informationen ein Muster zu erkennen und dies mit den bekannten Mustern zu vergleichen. So kann ich durch mein Alter, mein Geschlecht und meine Rolle in das Muster „beschützender Vater“ aber auch, je nach Vorerfahrung, in das Muster „bedrohlicher Täter“ kommen. Wie definiert, ist es das Wesen von Symbolen, Bedeutungen zu bündeln und diesen ein Zeichen zuzuweisen. Symbole sind in der Regel Schlüsselreize, die alle damit assoziierten Eigenschaften auslösen können. Für einen traumatisierten Menschen kann z.B. ein bestimmter Geruch, eine Fülle von Erlebnisbildern freisetzen, der Geruch ist dann Symbol, das für diese Erlebnisse und die damit verbundenen Handlungsweisen steht.

Was heißt dies für die Erziehung und Heilung?

In der Beziehung bilden sich Bedeutungs-Muster aus, die dem anderen zugewiesen werden. Diese Muster hängen von der Vorerfahrung ab und werden mit der Zeit verfeinert aber auch verfestigt. Steckt man in einer Musterzuweisung fest, dann ist es schwer, sich daraus wieder zu befreien. Viele Verhaltensweisen von traumatisierten Menschen, wie auch das Suchtverhalten, werden durch Symbole (Schlüsselreize) bestimmt. Rauch, das Gefühl in Fingern und Lippen, sind Schlüsselreize, die mit angenehmen Köpergefühlen, und positiven Erinnerungen verbunden sind. Übertragen wir dies auf den Alltag eines Kindes, dann sind Personen, Orte, Gegenstände, Verhaltensweisen in diesem Sinne Symbole.

Damit können wir auch den Unterschied zwischen Mutter und Mütterlichkeit, zwischen Familie und Familiarität besser fassen: Mütterlichkeit, Familiarität, Häuslichkeit, Heimatlichkeit sind Symbole, die für einen ganzen Kosmos an Eindrücken, Erinnerungen und Gefühlen stehen. Heimat ist etwas reales, doch Heimatlichkeit ist ein Symbol für sehr viel mehr, für die Ursehnsucht nach einem Zustand von Geborgenheit, tiefen Vertrauens und absoluter Verlässlichkeit. 

Symbole wachsen in der Zeit, indem immer mehr Erlebnisse damit verbunden werden – das Symbol wird reicher und tiefer, und mit dem Symbol auch das Leben. Damit wird das innere Ziel von Bildung erkennbar: im Kind einen inneren Reichtum an Symbolen zu prägen. Eine große Bedeutung haben hierzu gemeinsame Erlebnisse, die mit guten Gefühlen verbunden sind (Weihnachten, Geburtstage, Feste, …), aber auch die Regelmäßigkeit. So kann ein schönes Frühstück am Sonntag zu einem Symbol der Familiarität werden, das in gewissem Sinne ritualisiert wird. Riten wirken wie Schlüsselreize, die ein Erleben vermitteln können, das die konkrete Realität überstrahlt. In diesem Sinne wird Wesentlichkeit durch Symbole und Riten vermittelt, worin Personen und Handlungen eine besondere, symbolische Bedeutung zukommt.

Eine Person ist herzlich, weil sie für einen Menschen zu einem „Symbol der Herzlichkeit“ geworden ist. Dies macht klar, warum die Herzlichkeit nicht „gemacht“ werden kann. Ein Mensch kann sich nach allen Kriterien herzlich verhalten, doch ist er damit für das Kind nicht automatisch ein herzlicher Mensch – Symbole werden durch andere Vorgänge geprägt. Ist dies geschehen, dann ist diese Prägung tief und auch nicht durch ein gegenteiliges Verhalten zu erschüttern. Er ist es. Mit Symbolen wird das Wesen eines Menschen codiert. Dies macht auch verstehbar, warum frühe Symbole, z.B. die Mütterlichkeit, für das Kind so elementar und auch gänzlich unabhängig vom realen Verhalten sind.

Für die Gestaltung eines heilenden Milieus sind daher Symbole und Riten von enormer Bedeutung. Symbole sind die innigste und intimste Beziehung zwischen Menschen, denn dadurch werde ich ein Teil vom anderen, d.h. Teil seiner Lebens-Wirklichkeit. Anmerkung: Im negativen Sinne ist es die Absicht von demagogischer Macht, durch Ritualisierung Teil des Lebens von Menschen zu werden, indem innere Symbole geprägt werden, am tiefsten in der Kindheit und Jugend.

Das wohl mächtigste Symbol ist die Berührung eines Menschen. Es ist ein Schlüsselreiz der universell und elementar mit allem verbunden werden kann. Die enorme Bedeutung der Berührung liegt gerade darin, dass sie im Sinn einer universellen Symbol-Sprache Erlebnissen und Erfahrungen ein äußeres Zeichen geben kann. Berührungen sind die ersten Symbole im Leben eines Menschen, die ersten Zeichen der Geborgenheit.

Die große Bedeutung der Symbole und ihrer ganz eigenen Sprache, wurde von C.G. Jung erkannt, der auch auf eine für den Menschen universelle (archetypische) Symbolik hingewiesen hat. Für Jung stellen die Symbole die Brücke in das kollektive Unbewusste dar, das unabhängig von den persönlichen Erfahrungen ist. Symbole im jungschen Sinn sind z.B. Engel, Ringe, Kronen, der Kreis, Yin und Yang, Mandalas, die Schlage,  … Sie stehen in einer engen Beziehung zur Mythologie.

In unserem Konzept sind Symbolen an die individuelle Beziehungs-Geschichte gebunden. Beispiele für innere Symbole, die wir für unsere Kinder als prägend erlebt haben: gemeinsames Sonntags-Frühstück, Weihnachten, Christbaum, Sitzordnung am Tisch, der immobile Besitz, Werkstatt, Küche, Tiere, Autos, FC Bayern, Körpergesten, Umarmungen, das eigene Bett und Zimmer, Wohnzimmer, Haus und Hof, … Es  sind wesentliche Faktoren für die Gestaltung eines heilenden Milieus der Geborgenheit.

4.4.       Tabus

Neben diesen Symbolen, die gleichsam einen Entwicklungs-Raum eingrenzen, stehen Grenz-Symbole die einen tabuisierten Raum aufzeigen, der nicht betreten werden darf. Auch Tabus müssen durch Erziehung vermittelt werden. Auch sie geben eine indirekte Sicherheit, weil sie das soziale Terrain ordnen und strukturieren. Heute wird die Enttabuisierung der Welt als Befreiung erlebt, doch besteht die Gefahr, dass sich Menschen in einer Welt der Beliebigkeit verlieren, da sie von der permanenten Selbstdefinition der sozialen Wirklichkeit überfordert sind. Extrem rigide und autoritäre Systeme erhalten dadurch für Menschen eine neue Attraktivität, die von der Freiheit überfordert sind. 

Unsere Erfahrungen zeigen, dass sich Kinder in einer entgrenzten Welt verlieren. Sie brauchen auch Tabus, wobei sie erleben müssen, dass dies keine willkürlichen Grenzsetzungen sind, sondern dass sich dahinter Lebensräume anderer Menschen befinden, die nicht betreten werden dürfen, weil dadurch deren Leben gemindert wird. Intimität ist ein solcher tabuisierter Raum, der geachtet werden muss. Verwahrloste Kinder erleben wir als unsensibel gegenüber den Intimitäts-Bedürfnissen anderer. Sie kennen selbst keine Intimität und können sie so auch nicht bei anderen achten.

Wichtig für das Erleben von Geborgenheit, ist daher die Sicherheit, dass mein intimer Raum nicht betreten wird. Daher ist ein Tabu etwas anders als ein Verbot. Auch hier erscheint wieder der Grundgegensatz zwischen etwas Organisierbarem und etwas Wesentlichem. Regeln, Ordnungen, Verbote gehören in den Bereich der Organisation. Ein Tabu betrifft das Wesen eines Menschen. Regelübertretungen sind daher auch etwas ganz anderes als Tabuverletzungen. Durch eine Regel bin ich Teil der Gesellschaft, die durch Gesetze und Regelungen definiert ist; Tabus gehören zu dem, was wir als Gemeinschaft bezeichnen. Wer ein Tabu verletzt, der zerbricht die Gemeinschaft. Wer einen Friedhof schändet, der übertritt nicht nur eine Regel, sondern er zerstört tiefste menschliche Werte. Anmerkung: Soziale Medien ermöglichen Tabubrüche aus dem Schutz der Anonymität. (Anmerkung: Im Unterschied zu Straftaten im Sinne eines Bruchs von Gesetzen, ist Terrorismus zusätzlich das bewusste Verletzen von Tabus.)

Aus diesen Überlegungen ergeben sich für uns wesentliche Konsequenzen. Wenn wir eine Gemeinschaft aufbauen wollen, worin einzig Geborgenheit möglich ist, dann wird diese auch durch Tabus bestimmt. Ordnungen gehören in den Bereich von Gesellschaften. Das Ziel heißt daher: Ordnungen in Tabus zu wandeln. Tabus sind zum einen immer mit einem konkreten Menschen, seiner Würde und seinem Leben verbunden, zum anderen mit dem Leben von Menschen, die gemeinschaftlich zusammenleben. Tabuverletzungen mindern die Würde und das Leben, das Achten von Tabus mehr das Leben und die Würde. In diesem Sinne sind Tabus wesentliche Faktoren für ein Milieu der Geborgenheit.

Anmerkung: Daraus folgt auch, dass eine Verletzung von Tabus eine unmittelbare und persönlich beteiligte Reaktion des jeweils betroffenen Menschen und der betroffenen Gemeinschaft erfordert. Jeder ist für das Ganze und für den anderen mitverantwortlich. Eine Kultur des Wegschauens zerstört die Gemeinschaft, Sanktionen werden an offizielle Stellen der Gesellschaft übertragen. Will man eine Gemeinschaft der Geborgenheit aufbauen, dann erfordert dies zwingend eine Haltung des Hinschauens, der beteiligten Präsenz. Diese eigene Betroffenheit und Achtsamkeit an Ordnungen zu übertragen mag bequem erscheinen, doch ist sie der Grund für die soziale Kälte vieler Organisationen, hinter denen keine Gemeinschaft mehr erkennbar ist. 

5.       Beziehungs-Qualitäten 

Ein Vergleich mit der Physik macht deutlich: Wirkungen sind an Kräfte gebunden. Ein Vergleich mit der Chemie macht anschaulich: Reaktionen laufen nur ab, wenn entsprechende Milieubedingungen vorliegen. Daher gilt es die Kräfte und Milieufaktoren zu erkennen, die heilende Wirkungen und Reaktionen entfalten. Dieser Analogievergleich macht auch anschaulich, dass eine Kraft nur wirken kann, wenn eine Gegenwirkung besteht. Ein Glas Wasser hat nur eine verlockende „Kraft“, wenn ein Wesen Durst hat. Es muss also eine Entsprechung bestehen, damit eine Kraft wirken kann – die Kraft alleine bleibt wirkungslos. Kraftwirkungen haben daher immer zwei Seiten: Aktio und Reaktio, auf den Menschen übertragen: Angebot und Bedürfnis. Ohne ein Bedürfnis bleibt das beste Angebote wirkungslos, ebenso wie ein intensives Bedürfnis ohne Angebot ins Leere läuft. Angebot und Bedürfnis sind beide Kräfte, die bei einer Entsprechung ins Fließen kommen, was das Kennzeichen von Beziehung ist.

Damit eine wirksame Beziehung zustande kommt, müssen die Kräfte korrespondent einem Bedürfnis im Kind entsprechen. Diese kindlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte sind daher leitend für die Definition eines heilenden Milieus.

Auf der Suche nach einem Weg, das uns Wesentliches auch handhabbar zu machen, haben wir unsere Beziehungen und ihre Wirkungen bewusst angesehen, bewertet und Begriffe dafür gesucht. Dieses intuitive Empfinden, das dem inneren Erleben entspringt, zu strukturieren ist schwierig, da es sehr subjektiv ist. Um eine gewisse Objektivierung zu erreichen, d.h. eine gewisse Übereinstimmung der Bedeutungen, haben wir externe Personen einbezogen. Die nachfolgenden „Dimensionen“ sind daher ein Zwischenstand eines Prozesses, das scheinbar Unbenennbare zu benennen und dem subjektiven Empfinden eine Struktur zu geben. Als großen Gewinn dieser Bemühungen haben wir erlebt, dass dadurch sehr anregende und fruchtbare Diskussionen möglich wurden. Auch hoffen wir durch die Klärung, die wirklich wirksamen Kräfte und Bedingungen klarer zu erkennen und dadurch auch weiterentwickeln zu können.

Nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über das, was wir als Dimensionen von Beziehung bezeichnen. Im Sinn der dargestellten Entsprechung, stehen dahinter auch Bedürfnisse und Sehnsüchte. So ist eine Dimension nicht nur eine „Fähigkeit“ einer Bezugsperson, sondern auch ein Bedürfnis des Kindes. Um die Dimension prägnanter darstellen zu können, ist es hilfreich auch den Gegenpol auszudrücken, wo dies möglich ist. Die Dimension selbst wird oft erst in der Spannung zwischen den beiden Polen spürbar. Die beiden Pole machen auch den Terminus „Dimension“ besser verstehbar. 

 

Bezugsperson ist

Dimension

Bedürfnis
Ursehnsüchte

 1

nahe, annehmend, zugewandt

distanziert, unnahbar, abweisend

Nähe, Entschiedenheit

 2

weich, wohlig, kuschelig

hart, rau

Weichheit

 3

warm, sinnlich

kalt

Wärme

 4

herzlich, innig

oberflächlich

Herzlichkeit

 5

heiter, ausgelassen

freudlos, gehemmt

Freude

 6

ehrlich, unmittelbar

falsch, berechnend

Ehrlichkeit

 7

mitfühlend

teilnahmslos

Mitgefühl

 8

beteiligt, begeistert

gleichgültig, stumpf, starr

Beteiligtheit

 9

offen, weit, spontan

eng, kleinkariert, formal

Offenheit

 10

verlässlich, vertraut

willkürlich, egozentrisch

Verlässlichkeit

 11

kompetent, gelassen, locker

überfordert, angespannt

Kompetenz

 12

verzeihend, mild

erbarmungslos

Milde

 13

zugehörig

fremd

Zugehörigkeit

 14

familiär, intim

öffentlich 

Intimität

 15

ästhetisch, schön

hässlich, versifft, verwahrlost

Schönheit,

 16

harmonisch, ausgeglichen

disharmonisch, angespannt

Harmonie

 17

geordnet, klar

verwirrend, chaotisch

Ordnung

 18

sinnvoll, bedeutsam, erfüllend

sinnlos, leer

Sinn

5.1.       Urberührung Körperkontakt

In den Mittelpunkt unseres heilenden Milieus haben wir die „Körperlichkeit“ gestellt. Körperkontakt ist das Bindeglied zwischen anderen Milieukräften und gibt diesen erst ihre Kraft. Was wäre Mütterlichkeit ohne die Berührung des Kindes; was Geborgenheit ohne die Möglichkeit, jemand in den Arm nehmen zu können; was Kindlichkeit, ohne die Möglichkeit, auf dem Schoß sitzen zu können; was wäre Vertrautheit ohne die Hand des anderen. Die Beispiele machen deutlich, wie sehr die einzelnen Dimensionen sich durchdringen und gegenseitig bedingen. In der Darstellung ist es nur möglich, dies als zweidimensionale Überlappung darzustellen, doch eigentlich ist jede Dimension mit jeder anderen verbunden. Doch kann auch schon die topographische Darstellung das Wesentliche veranschaulichen und ermöglicht eine höhere Komplexität.

Das Neugeborene kommt als unfertiges, zu früh geborenes Wesen auf die Welt. Es hätte noch einer längeren Reifung in der Gebärmutter bedurft, doch ist dies nicht möglich, denn dafür bräuchte die Mutter einen größeren Beckenring, der mit der Statik des aufrechten Gangs nicht vereinbar ist. So kommt das Kind als bedürftiges Wesen auf die Welt, das der Fürsorge bedarf, um extrauterin überleben zu können. Doch ist sein Gehirn bereits so weit entwickelt, eine spezifische Beziehung zu dieser neuartigen Welt eingehen zu können. Zwar sind gewisse „Mechanismen“ genetisch vorgeprägt, doch ist vieles offen und bedarf des Lernens, was die enorme Anpassungsfähigkeit des Menschen ermöglicht. Die Bedürftigkeit eines Kindes ist in den jeweiligen Phasen unterschiedlich, doch stehen hinter allem Grundbedürfnisse, die in den Phasen unterschiedlich gewichtet sind. Diese Urbedürfnisse eines Kindes bilden die Grundstrukturen der Persönlichkeit eines Menschen. Wie sie geformt werden, bestimmt das weitere Leben entscheidend. Diese Grundstrukturen zu erkennen ist ein Anliegen der Pädagogik, Psychologie und Psychotherapie. Will man kausal verstehend den Menschen gerecht werden, dann braucht man Modelle und Theorien, die auf diesen Bedürfnissen aufbauen. So ist es auch unser Anliegen, diese Urbedürfnisse des Kindlichen zu verstehen, um ein kausal-heilendes Handeln daraus abzuleiten.

Der Menschen tritt über seinen Körper in eine erste „sinnliche“ Berührungs-Beziehung mit der Welt. Haut und Mund, Berührungen und Trinken, sind die Eingangspforten in die neue Lebenssphäre. Diese Ersten Urberührungen treten an die Stelle des ganzheitlichen intrauterinen Lebensgefühls. Nach dem schwerelosen Schweben erlebt das Kind nun seine eigene Masse, seine Schwere, sein Gewicht und spürt Druck und Temperatur auf der Haut. Aus der uterinen Welt sind die Gefühle vertraut, die durch den Mund, den eigenen Daumen und die Brust der Mutter vermittelt werden. Diese ersten Berührungen vermitteln die Urerfahrung mit der Welt, die vorrangig durch die Mutter vermittelt werden; hinzukommen die ersten sinnlichen Erfahrungen von Geschmack und Geruch.

Nähe bedeutet in den ersten Lebensjahren vor allem Körperkontakt. Das Gefühl, gehalten, berührt und gestreichelt zu werden, vermittelt dem Säugling Sicherheit und Geborgenheit. Diese fundamentalen Empfindungen sind grundlegend für die körperliche und psychische Entwicklung des Babys. Beim Kind bildet sich so ein Grundgefühl heraus, das den weiteren Lebensweg entscheidend mitbestimmt. Es fühlt sich aufgehoben, die Menschen sind ihm wohlgesonnen, die Welt ist ein sicherer Ort, es erhält Schutz und Hilfe, wenn es sie braucht. Wie wichtig gerade Körperkontakt ist, zeigen Untersuchungen an Frühgeborenen. (http://www.rund-ums-baby.de/baby/geborgenheit.htm)

Dieses sinnlich-sensible und sensorische Urerlebnis ist gleichsam ein unterstes Fundament, mit dem das Kind mit der Welt in Beziehung tritt, es ist die Basis des Urvertrauens. Auch im späteren Leben liegt unter allem Kognitiven diese Schicht der Körperlichkeit, worin Sexualität, Essen, Trinken und alle regressiv-sinnliches Erlebensqualitäten gründen. Diese Schicht hat als unterste einen direkten Zugang zu den elementaren Kraftquellen, die wir für die Regeneration bedürfen. Burning-Out ist u.a. oft die Unfähigkeit, sich aus diesen Quellen Kraft zu holen, wozu Kinder noch imstande sind. Geborgenheit ist auf dieser Ebene das Erleben einer tiefen Zufriedenheit und Harmonie, die kognitive Erkenntnisse nicht vermitteln können. Störungen in diesem Bereich werden als tiefgreifender Mangelzustand erlebt. Bildlich gesprochen ist es der Mangel an Urerfahrung, sich vom Hauterleben, von der Wärme, von oralen Gefühlen forttragen zu lassen, wie sie das Kind nach dem traumatischen Geburtserlebnis braucht. Geburt ist das erste Lebenstrauma, dessen Heilung ist das erste Vertrauensfundament. 

Bei unseren Kindern können wir dieses Urbedürfnis noch sehr ausgeprägt erleben; sie sind noch prägungsoffen, jedoch nur, wenn eine entsprechende sensible Berührungskultur gegeben ist. Berührungen, Umarmen, in den Arm nehmen, Hochheben, Schaukeln, u.v.m. sind Ausdrucksweisen, dem Kind dieses Angenommen- und Angekommen-Sein zu vermitteln. Wir erleben dieses elementare Bedürfnis nach körperlicher Nähe nicht nur bei unseren kleineren Kindern, es ist auch bei den größeren noch vorhanden, doch nimmt diese Möglichkeit mit dem Älterwerden ab, wenn körperlich-sinnliche Kontakte dann als unpassend gewertet werden. Körperlichkeit ist die stärkste Kraft, worüber die Kräfte der Neufundierung vermittelt werden.

Bei älteren traumatisierten Menschen ist dies oft dadurch sehr erschwert, weil gerade die körperliche Beziehung durch das Trauma massiv gestört und triggerartig vorbelastet ist. Gelingt es jedoch, diese Konditionierungen zu überwinden, können hierdurch den negativen Erlebnissen und Körpergefühlen neue Erfahrungen entgegengestellt werden – ein Auflösen alter Prägungen ist meist nicht möglich.

Wir haben bisher die Kräfte und Bedingungen mehr aus dem Blick der Bezugspersonen beschrieben. Leitend war die Vorstellung, dass diese Qualitäten auch korrespondierend im Kind angestoßen werden. Wenn jemand begeistert ist, dann kann dieser Funke auch die Begeisterung im Kind entzünden. So sind die verwandten Begriffe zweiseitig: Äußere Geborgenheit soll zur inneren Geborgenheit im Kind führen. Dies gilt für alles: gelebte Mütterlichkeit soll dazu führen, dass auch das Kind ein mütterliches Wesen entwickelt –  wer nie Mütterlichkeit erfahren hat, der kann nicht mütterlich sein; wer sich nie wirklich geborgen wusste, wie sollte er bergen können.

1.1.                   Ausgeglichenheit, Harmonie,

Geborgenheit ist, wo ich mich harmonisch und ausgeglichen fühle. Physiologisch gesehen, ist dies ein Zustand, in dem der Parasympathikus die körperlichen Grundfunktionen regelt. Gegenteil dazu sind Stress, Angst, Anspannung, Kampf, Bedrohung Zustände, in denen der Sympathikus (Adrenalin) den Körper bestimmt. Das vegetative Nervensystem ist die unterste Basis des Körpergefühls von Geborgenheit. Der Körper ist die Basis von allem und das sensibelstes „Organ“ dafür, ob und wie die äußeren Bedingungen wirken.  Das Ideal besteht in einem guten Wechsel, d.h. der Möglichkeit, sich nach der Anspannung, wieder in den Zustand der Ausgeglichenheit bringen zu können. Leistung allgemein hängt entscheidend von dieser Fähigkeit ab (Salutogenese). Wer es nicht schafft, sich wieder zu harmonisieren, sondern in einem permanent hohen Stresszustand bleibt, brennt aus, ein Zustand der für viele traumatisierten Menschen typisch ist.

Bei unseren Kindern erleben wir eine grundlegende Störung dieses harmonischen „Schwingens“. Es kann sich nur der mit Neuem und Bedrohlichem einlassen, der die Sicherheit in sich weiß, wieder in seine innerliche Ruhe und Ausgeglichenheit zurückkommen zu können. Daher ist es ein wesentlicher Faktor der Heilung, dieses energetische Kräftespiel im Kind wieder zum „Schwingen“ zu bringen.

Damit wird der dynamische Faktor von Geborgenheit erkennbar. Geborgenheit ist kein statischer Zustand, sondern eine dynamische Fähigkeit, sich mit dem Leben einlassen zu können, weil man sich den Bedrohungen nicht schutzlos ausgeliefert fühlt. Dies macht auch deutlich, dass Sicherheit kein statischer Zustand ist, wie eine Burg in der man sich verschanzen kann, was eher dem Zustand des depressiven Rückzugs entspräche. Sicherheit ist eine aktive Kompetenz, die auch ob der eigenen Kraft weiß.

 

5.2.       Nähe und Entschiedenheit

Nähe ist schwer zu beschreiben, eigentlich nur zu erleben. Ein Mensch der nahe ist, ist nicht räumlich, sondern innerlich nahe. Nähe ist auch kein zeitlich permanentes Vorhanden-Sein, sondern ein Für-den-anderen-Da-Sein, wenn er mich wirklich braucht. Nähe ist etwas anderes als Benutzbarkeit, sie ist ein Entschieden-Sein für den anderen, ist Commitment. Erst die Entschiedenheit verwirklicht Nähe, denn die Entscheidung bleibt, auch wenn der andere nicht real da ist, oder wenn die verbindende Aufgabe erledigt ist. So kann der, der sich entschieden hat, auch weggehen, denn seine Entscheidung ist damit nicht weggegangen. Menschen, die als nah erlebt werden, deren Nähe sucht man.

Der „Spürsinn“ eines Kindes erkennt, ob eine Person wirklich da ist oder mit ihm nur eine Verrichtung ausführt, das Kind spürt die Verbundenheit der Nähe. Heute wird dies als sichere Bindung bezeichnet.

Erlebbar wird die Nähe in der Grund-Entschiedenheit der Eltern für das Kind. Obwohl die Trennung bei solchen Kindern also mit negativen Gefühlen verbunden ist, vertrauen sie darauf, dass die Bindungsperson sie nicht im Stich lassen oder in irgendeiner Weise falsch reagieren wird. Die Bindungsperson erfüllt in einer derartigen Bindung die Rolle eines „sicheren Hafens“, der immer Schutz bieten wird, wenn das Kind dessen bedarf. Die Kinder sind traurig, dass die Bindungsperson nicht bei ihnen ist – und gehen davon aus: „Sie kommt zurück.“ Erscheint die Bindungsperson im Raum, freuen sich die Kinder. Sie suchen Nähe und Kontakt, wenden sich kurz danach wieder der Exploration des Raumes zu. (https://de.wikipedia.org/wiki/Bindungstheorie#Sichere_Bindung)

Diese Entschiedene-Nähe ist eine wesentliche Dimension für die Neufundierung. Geborgenheit

5.3.       Geborgenheit

Wie die Berührung, ist Geborgenheit ein Urbedürfnis eines Kindes, was sich auch in der Sprache ausdrückt. Das Wort Geborgenheit gilt gemeinhin als unübersetzbar, es existiert zwar auch im Niederländischen und im Afrikaans, fehlt jedoch etwa im Englischen, Französischen und Russischen (WIKI). Es ist ein Wort, das anscheinend ein besonders deutsches Lebensgefühl ausdrückt, was sich auch dadurch ausdrückt, dass es 2004 im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs zum zweitschönsten Wort gewählt wurde.

Damit stellt sich für die Heilung (auch für jede Psychotherapie und heilende Pädagogik) die Frage: was sind die Bedingungen für das Erleben von Geborgenheit im Kind? Geborgenheit ist mehr als das Lebensgefühl der Zufriedenheit, weil körperliche Bedürfnisse verlässlich befriedigt werden, wenngleich die Verlässlichkeit eine Bedingung ist. Verlässliches Füttern könnte auch durch einen Automaten gesichert werden, wie das bekannte Experiment von Harlow zeigt:

International bekannt wurde Harlow, als er ab 1957 Rhesusaffen-Babys dazu benutzte, um an ihnen die Grundlagen der Mutter-Kind-Bindung zu erforschen. In Experimenten zeigt Harlow junge Rhesus-Äffchen, die ohne ihre Mutter in einen Käfig gesetzt werden, indem sie die Wahl zwischen zwei Attrappen haben: einer aus Draht nachgebildeten, Milch-spendenden „Ersatzmutter“ und einer gleich großen, mit Stoff bespannten „Ersatzmutter“, die aber keine Milch spendet. Die Äffchen hielten sich bei der Milchspenderin stets nur zur Nahrungsaufnahme auf, kuschelten sich aber ansonsten auf die stoffbespannte Attrappe. (https://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Harlow)

Wie schon in anderen Bereichen erkennbar, ist auch Geborgenheit qualitativ etwas anderes als Sicherheit oder Bequemlichkeit. Geborgenheit kann nur in einer Beziehung erlebbar werden, die jedoch qualitativ etwas anderes ist, als eine durch einen Dienstvertrag geregelte Fachkompetenz – sie ist unabhängig von aller Fachlichkeit, die Entschiedenheit für das Kind. Erst diese „elterliche“ Grundausrichtung des eigenen Lebens auf das Kind bewirkt im Kind die Ur-Erfahrung von Geborgenheit und damit verbunden, die „Übertragung“ von eigenen Grund-Bedürfnissen und -Sehnsüchten auf die entschiedene Person. Diese Entschiedenheit stillt die existenziellen Ur-Bedürfnisse des Kindes nach Nähe, was mit der Rückübertragung von mütterlichen Bedürfnissen auf das Kind verbunden sein kann.

Wir haben bisher die Kräfte und Bedingungen mehr aus dem Blick der Bezugspersonen beschrieben. Leitend war die Vorstellung, dass die von den Bezugspersonen gelebten Qualitäten auch korrespondierend im Kind angestoßen werden. Wenn jemand begeistert ist, dann kann dieser Funke auch die Begeisterung im Kind entzünden. So sind die verwandten Begriffe zweiseitig: Äußere Geborgenheit soll zur inneren Geborgenheit im Kind führen. Dies gilt für alles: gelebte Mütterlichkeit soll dazu führen, dass auch das Kind ein mütterliches Wesen entwickelt –  wer nie Mütterlichkeit erfahren hat, der kann nicht mütterlich sein; wer sich nie wirklich geborgen wusste, wer sich nicht in sich geborgen fühlt, wie sollte er einmal eigene Kinder bergen können.

5.4.       Ausgeglichenheit, Harmonie,

Geborgenheit ist, wo ich mich harmonisch und ausgeglichen fühle. Physiologisch ist es ein Zustand, in dem der Parasympathikus die körperlichen Grundfunktionen regelt, als Gegenspieler zum Sympathikus (Stress, Angst, Anspannung, Kampf, Bedrohung). Der Körper ist die Basis von allem und das sensibelstes „Organ“ dafür, ob und wie die äußeren Bedingungen erlebt werden. Nicht der faktische Zustand ist entscheidend, sondern das subjektive Erleben.

Ausgeglichenheit bedeutet nicht, stressfrei zu leben, sondern ist die Fähigkeit, nach einer Phase der Anspannung, wieder in den Zustand der Ausgeglichenheit kommen zu können. Wer es nicht schafft, sich wieder zu harmonisieren, sondern in einem permanent hohen Stresszustand bleibt, brennt aus, ein Zustand der für viele traumatisierten Menschen typisch ist.

Bei unseren Kindern erleben wir eine grundlegende Störung dieses harmonischen „Schwingens“. Lernen bedarf der Sicherheit, wieder in seine innerliche Ruhe und Ausgeglichenheit zurückkommen zu können. Daher ist es ein wesentlicher Faktor der Heilung, dieses energetische Kräftespiel im Kind wieder zum „Schwingen“ zu bringen (Salutogenese).

Damit wird der dynamische Faktor von Geborgenheit erkennbar. Geborgenheit ist kein statischer Zustand, sondern eine dynamische Fähigkeit, sich mit dem Leben einlassen zu können, weil man sich den Bedrohungen nicht schutzlos ausgeliefert fühlt. Dies macht auch deutlich, dass Sicherheit kein statischer Zustand ist, wie eine Burg, in der man sich verschanzen kann – was eher dem Zustand des depressiven Rückzugs entspräche. Sicherheit ist eine aktive Kompetenz, die ob der eigenen Kraft weiß.

5.5.       Weichheit und Zärtlichkeit

Die Weichheit einer Person ist in der Berührung am unmittelbarsten erlebbar. Eine weiche Berührung ist zärtlich, behutsam und sanft. Sie ist angefüllt mit Fühlung für den anderen und dem Wunsch, ihn nicht zu verletzen. Sie ist, wie ein aus dem Nest gefallenes Küken zu bergen und in sein Nest zurückzulegen. Das Gegenteil ist die mitleidslose Härte der Selbst-Entäußerung im Zorn und in der ideologischen Selbst-Verlorenheit. Härte ist, wenn der andere nicht mehr Du, sondern reines Objekt ist.

Die Verletzlichkeit eines Kindes bewirkt, wie das hilflose Küken, reflexhaft die Weichheit beim Gegenüber. Die Entwicklung des Kindes braucht diese du-hafte, zärtliche Weichheit des Nests. Geborgenheit entsteht, wenn Bezugspersonen diesen Ur-Reflex gegenüber einem Kind spüren und diese aus dem Inneren aufsteigende Zärtlichkeit zulassen. Die Weichheit löst auch eine kindliche Regression aus, die an der Motorik und der Sprache sichtbar wird. Auch diese Regression muss zugelassen werden, damit das Kind den Erwachsenen nicht als übernächtig bedrohlich empfindet, sondern als kindlich und verletzlich, wie es selbst. In einer kühlen, formal professionellen Arbeitssituation ist es schwer, Weichheit und die eigene kindliche Regression zuzulassen.

Zärtlichkeit und regressive Kindgemäßheit sind Grundbedingungen für das Kind, sich geborgen zu erleben. Dann bestimmen nicht nur erwachsenes Denken und Fühlen den Kontakt, sondern die Kommunikation ist auf die kindlichen Kanäle und Möglichkeiten abgestimmt, sie erfolgt kindgemäß. Nicht muss das Kind in die Erwachsenenwelt treten, sondern der Erwachsene tritt in die kindliche Realität.   

5.6.       Wärme

Wie die Weichheit, ist die Wärme eine Wachstumsbedingung, nicht nur für das körperliche, sondern vor allem für die emotionale Entwicklung. Weichheit und Wärme wirken ähnlich, doch unterscheiden sie sich wesentlich. Weichheit wird erst in der unmittelbaren Berührung erlebbar, wohingegen die Wärme (wie auch die Kälte) von eine Person verströmt wird. Man spürt sie, auch ohne unmittelbaren Kontakt. Neben einem warmen Menschen wird einem warm ums Herz und neben einem kalten Menschen friert man. Auch die emotionale Wärme ist schwer zu beschreiben, besser zu erleben. Wer sie selbst nie erlebt hat, der kann sie nicht vermitteln. In einer warmen Familie wirken das Licht wärmer, die Stühle weicher, die Stimmen sanfter, die Berührungen sanfter.

Wärme ist eine der Grundbedingungen eines geborgenen Milieus. Sie ist mit den Bedingungen vergleichbar, die Küken für ihr Gedeihen brauchen. In einem warmen Klima fühlt man sich wohl, behaglich und alles entspannt sich, wohingegen man in einem kalten Milieu friert, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Alles spannt sich an und man fühlt sich unwohl und man will nicht verweilen. Kälte zieht die eigene Wärme ab, sie kostet Kraft. Geborgene Wärme wird vor allem durch Personen vermittelt, doch spielt auch das Ambiente eine große Rolle, die Einrichtung, die Farben, der Teppich, die Materialien.

5.7.       Herzlichkeit

Zur Herzlichkeit gibt es eigentlich keinen Gegenbegriff. Herzlosigkeit benennt es nicht, eher Gefühlskälte. Auch die Herzlichkeit ist schwer rational zu definieren. Man muss in der Beziehung mit einem herzlichen Menschen den Zauber spüren, wie einem selbst das Herz aufgeht. Beethoven hat seine Missa Solemnis mit dem Herzen geschrieben und sie mit dem Motto überschrieben: von Herzen möge es zu Herzen gehen. Herzlichkeit ist eine Zauberkraft, die alle Seelen-Türen öffnen kann. Ihr Zauber ist die Sprache des Herzens, ohne Falsch und ohne Hintergedanken – es ist die bedingungslose Offenheit und das Annehmen des anderen, wie er ist. Dies macht auch verständlich, warum es keinen Gegenpol zur Herzlichkeit gibt, sondern nur die Herzverschlossenheit.

Kinder machen es einem leicht, herzlich zu sein, denn ihr Herz ist noch offen und weit. Im Christlichen ist es die Eintrittsbedingung in das Himmelreich. Schon von Geburt an haben Kinder einen besonderen Sinn, die Herzlichkeit im Gegenüber zu erspüren. Herzlichkeit ist wie der weiche Flaum, der das Nest der Geborgenheit auskleidet, sie ist getragen von der unbändigen Freude über die Existenz des Kindes. Etwas pathetisch ausgedrückt ist der Wohnort eines Kindes nicht der reale Wohnraum, sondern das Herz von Menschen, es ist der Ort der Geborgenheit.   

5.8.       Heiterkeit, Freude, Humor

In einer freudig heiteren Atmosphäre geht alles wie von selbst und scheinbar schwere Aufgaben erscheinen leicht. Heiterkeit und Humor wirken wie ein Schmiermittel, das Eingerostetes wieder beweglich macht. Dahinter steht die Haltung, alles nicht so ernst zu nehmen, vor allem sich selbst. Humor kann alles in einen neuen Zusammenhang stellen und eine verfahrene und aussichtslos erscheinende Situation mit einem Lachen auflösen.

Die Prägung des Weltkonzeptes eines Kindes erfolgt durch einen heiter-optimistischen Menschen gänzlich anders, als durch einen missmutig-schwermütigen. Es ist die Überzeugung, dass das Leben nicht schwer und eine Last ist, sondern ein Geschenk, eine feine Sache. Freude ist das Schönste für einen Menschen, gerade für ein Kind. Gesundes Wachsen und Gedeihen braucht Freude, wie sie noch unverdorben in der kindlichen Seele angelegt ist. Kindlichkeit und Freude sind Geschwister. Die Erwachsenen-Schwere und Ernsthaftigkeit wirken erdrückend für ein Kind, das die Gründe noch nicht verstehen kann.

Humor und Heiterkeit sind nicht zu fordern, wie Fachliches, doch sind sie essenziell für die Erziehung von Kindern. Chronische Missmutigkeit ist kein Kündigungsgrund, doch ist für die Neufundierung eine heiter gelöste Atmosphäre eine Grundbedingung. Der Grund liegt auch darin, dass Missmutigkeit beim Gegenüber Schuldgefühle auslöst und er sich permanent fragen muss, ob er nicht schuldhaft der Auslöser der schlechten Stimmung ist. Dies hemmt die Entfaltung, wohingegen Freude und Heiterkeit, und die damit verbundene leichtfüßige Lockerheit die beste Bedingung für Lernen und Entwicklung sind. Schuldgefühle kennen traumatisierte Kinder aus ihrem früheren Leben zu Genüge.

5.9.        Ehrlichkeit

Ehrlichkeit ist etwas anderes als Verlässlichkeit, sie ist die Entschiedenheit für die Wahrheit, unabhängig davon, welche Nachteile damit verbunden sind. Es ist die Haltung, dass ein Mensch das selbst lebt, was er sagt oder fordert. Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit bedingen sich gegenseitig. Für ein Kind ist nur der Mensch ein prägendes Vorbild, der auch das selbst lebt, was er vom Kind fordert. Ehrlichkeit ist die Grundlage der Werteprägung im Kind. Ehrlichkeit schafft Beziehung; Lüge zerstört Beziehung. Diese Vorbildkraft hat Karl Valentin auf den Punkt gebracht: „Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns doch alles nach.“

Für Kinder ist es wesenskränkend und entwürdigend, wenn ihnen gegenüber Forderungen aufgestellt werden, welche die Bezugsperson nicht aus Schwäche verfehlt, sondern sich über diese Regeln stellt. Dies gilt nicht nur für Eltern, sondern für alle prägenden Bezugspersonen, wie Lehrer, Pfarrer, Chefs. Geborgenheit kann jedoch nur entstehen, wenn Menschen glaubwürdig sind und Werte und Regeln für alle gelten, wie ein Teppich einer gemeinsamen Lebenskultur.

5.10.    Mitgefühl

Neulogisches Substrat des Mitgefühls sind Spiegelneurone, die in uns ähnliche Empfindungen auslösen, wie wir sie im anderen beobachten. Dass der andere wie wir fühlt, macht erst eine emotionale Verbindung zwischen den Menschen möglich. Wäre den anderen das eigene Leid gleichgültig, dann würde auch keine Beziehung entstehen – Mitgefühl ist die Beziehungs-Klammer zwischen den Menschen. Wo das Mitgefühl stirbt, stirbt auch die Menschlichkeit, wie es in KZs und bei Terroristen zu erkennen ist. Dies macht verstehbar, warum das unendliche Mitgefühl im Buddhismus das Wesen eines erleuchteten Menschen ist.

Mitgefühl zu erleben, ist prägend für die Beziehungsfähigkeit. Kinder erzwingen durch Weinen bei Schmerz und Kränkung das Mitgefühl der anderen und bewirken dadurch reflektorisch eine Hilfeleistung. Kaum vorstellbar ist die Einsamkeit und Verlassenheit eines Kindes, wenn dieser „Reflex des Mitgefühls“ keine Entsprechung im Gegenüber findet. Was bleibt, ist die gefühllose Autonomie.

5.11.    Beteiligtheit, Begeisterung

Beteiligt zu sein ist nicht nur Kennzeichen einer höheren Bewusstheit, sondern auch die Grundlage des Lebens. Wer sich nicht einbringt, mit dem ist keine Verbindung möglich; mit dem kann man kein Netz knüpfen; mit dem kann sich keine synergetische Wechselwirkung ereignen – er bleibt alleine und unfruchtbar. Leben entsteht, wenn sich die Anlagen und Fähigkeiten von Menschen gegenseitig bereichern. Doch ist Beteiligtheit nur möglich, wenn ich selbst stark und sicher bin, und ich mich selbst einlasse und Eigenes für das Neue hergeben kann. Beteiligtheit ist ein anderes Wort für Begeisterung und Leidenschaftlichkeit. Der Gegenpol ist die unbeteiligte Langeweile, die alles als Zumutung erlebt.

Kinder bedürfen der beteiligten Begeisterung von Menschen, um selbst lebendig werden zu können, alles andere führt in ein unbeteiligtes Kümmerleben, führt in die reine Anpassung. Diese Begeisterungsfähigkeit ist die Schönheit des Kindes; sie beseelt das kindliche Spiel. Geborgenheit ist die Bedingung für dieses lebendig-kreative Spiel.

5.12.    Offenheit, Neugierde

Wie die Beteiligtheit ist die Offenheit die zweite Grundbedingung der Lebendigkeit. Offenheit heißt selbstredend, offen gegenüber Neuem und gegenüber Veränderungen zu sein und nicht nur Bekanntes, Sicheres und Vorhersehbares zuzulassen. Offenheit ist die Grundlage jeglicher Entwicklung und damit auch des Lernens. Der notwendige Gegenpol zur Offenheit ist die Verlässlichkeit. Beide sind erforderlich: geschlossene Vorhersehbarkeit und offene Unbestimmtheit. Wer nur im sicheren Terrain verweilt, der verkümmert und wer sich nur im Unbestimmten verliert, der zerfließt strukturlos. Strukturbildung und Struktur-Verflüssigung sind beide für eine lebendige Entwicklung erforderlich.

Das Kind muss selbst Teil dieses zyklischen Fließen werden, um dieses Grundgesetz des Lebens zu verinnerlichen, wenn sein Leben wirklich gelingen soll. Schon als kleines Kind muss es erleben, dass sich sicher Geglaubtes wieder auflöst und dadurch nicht wirklich ein Verlust entsteht, sondern dies die Bedingung ist, dass Neues wachsen kann. Eigene Neugierde und Vertrauen in sich und andere, ermöglichen dem Kind seine Loslass-Angst auszuhalten und im Neuen Leben aufzulösen.   

5.13.   Verlässlichkeit, Berechenbarkeit

Verlässlichkeit ist die Grundlage sozialen Lebens. Verlässlich kann ein Mensch in zweifacher Weise sind: In kleinem Sinn verlässlich ist eine Person, die sich an Regeln und Vereinbarungen hält, weil sie  Nachteile und Strafen vermeiden will, die mit der Übertretung von Regeln verbunden sind. Besteht die Chance, nicht entdeckt zu werden, dann wird die kleine Verlässlichkeit weich. Große Verlässlichkeit ist unabhängig von den Konsequenzen. Im großen Sinne verlässlich ist ein Mensch, weil er sich entschieden hat, Vereinbarungen einzuhalten, weil es sein Wesen ist, sein Wort zu halten. Mit einem wirklich verlässlichen Menschen zusammenzuleben oder zusammenzuarbeiten, ist ein schöne Erfahrung, denn Aufgaben werden erledigt, auch wenn sie Unannehmlichkeiten und Nachteile mit sich bringen – ein solcher Mensch ist verlässlich. Wer nur im kleinen Sinne verlässlich ist, dem kann man sich nicht wirklich anvertrauen. 

Ziel von Erziehung im Sinne von Bildung wäre, wenn das Kind nicht nur im kleinen, sondern im großen Sinne verlässlich ist. Verlässlichkeit ermöglicht kleines Vertrauen – ich darf mich trauen, weil ich mich verlassen kann. Für die geborgene Entwicklung eines Kindes ist die Verlässlichkeit der Bezugspersonen von Geburt an das tragende Fundament. Viele Lebenserfahrungen unserer Kinder sind jedoch durch keine oder durch kleine Verlässlichkeit geprägt. Damit ist der Boden auf dem das Kind steht, nicht fest und es ist gezwungen, den Zustand der Verlässlichkeit des anderen permanent zu erspüren, wie es z.B. bei Abhängigkeit und Sucht der Bezugsperson der Fall ist.

5.14.   Kompetenz

Geborgen kann sich jemand nur fühlen, wenn die Menschen um ihn auch über die Fähigkeiten verfügen, den Raum dafür zu gestalten und drohende Gefahren abzuwehren. Geborgenheit braucht Kompetenz nach innen und nach außen. Kompetenz schafft Sicherheit und Verlässlichkeit. Inkompetenz führt zur Überforderung, die sich als Atmosphäre der Unsicherheit und Überforderung ausbreitet. 

Um Vertrauen in die Welt zu fassen, braucht das Kind kompetente Eltern, von denen es den Eindruck gewinnen kann, dass sie das Leben meistern. Überforderung überträgt sich unbewusst auf das Kind und erweckt den Eindruck einer bedrohlichen und gefährlichen Welt, der man ausgeliefert ist. 

5.15.   Milde: verzeihende, weiche Konsequenz

Milde ist ein schönes deutsches Wort. Es heißt nicht, dass der Milde alles zulässt, er jedoch in seinem Tun und Werten gütig und nachsichtig ist. Milde steht in einem scheinbaren Gegensatz zur Konsequenz. Eine harte Konsequenz ist unmenschlich; sie stellt das Prinzip über den Menschen. Die milde Konsequenz sieht immer den Menschen und seine Beweggründe und sie versucht ihn aus sich heraus zu verstehen. Milde steht für den Grundsatz: Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

Für ein Kind heißt dies noch schärfer formuliert, dass die Liebe über den Konsequenzen steht. Die Lösung der Probleme kann dann innerhalb der Beziehung geschehen, wenn es gelingt, ein Fehlen als eine Kränkung der Beziehung zu verstehen. So geht es letztlich nicht um Konsequenz, nicht um Recht und Ordnung, sondern um die Heilung der Beziehung. Prägend verändern kann einen Menschen nicht die Strafe, sondern immer nur die Milde des Verzeihens.

5.16.   Ästhetik, Schönheit, Achtsamkeit

Wie in allen bisherigen Bereichen, haben wir zwischen dem Realen und der Haltung unterschieden. Reales kann organisiert werden, doch die Haltung wird von Menschen gelebt. Gleiches gilt auch in diesem Bereich. Ästhetik ist etwas reales, das organisiert werden kann. Gegenstände, Räume, Möbel, Häuser, Bücher, Bilder können nach ästhetischen Prinzipien gestaltet werden. Ästhetik kann man an Schulen für Kunst und Design lernen. Ein anderes Wort für Ästhetik ist Schönheit, doch schwingt in diesem Wort schon etwas anderes mit, was über die reine Ästhetik hinausreicht. Ein Ding kann nach den Regeln des goldenen Schnitts ästhetisch sein, doch ich empfinde es als schön.

Für unsere Arbeit ist die Schönheit eine sehr wesentliche Dimension, denn sie ist für uns mehr als nur Ästhetik. Ich bin davon überzeugt, dass Schönheit im Sinne von Harmonie, ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Der Zwilling der Schönheit heißt Achtsamkeit. Erfahrungen zeigen, dass Hässlichkeit direkte Folge von unsensiblen und damit egoistischen Machtbedürfnissen ist. Hölle ist der symbolische Ort der größtmöglichen Hässlichkeit und gegenteilig, sind das Schöne, das Wahre und das Gute für den Menschen – und erstmals in der der griechischen Philosophie –, die höchsten Werte und Tugenden, die die Bildung eines Menschen bestimmten.

Damit wird deutlich, dass Schönheit etwas ganz anderes ist, als formale Ästhetik. Ästhetisches könnte auch ein Computer erzeugen, doch Schönes kann immer nur ein Mensch hervorbringen. Schönheit ist eine Quantität der Beziehung. Dies heißt: Damit die Schönheit Teil einer geborgenen Lebenskultur werden kann, darf sie nicht eine Schönheit um der Schönheit willen sein, sondern muss unmittelbar erlebbar werden. Schönheit hat mit Achtsamkeit und Würde zu tun und ist damit keine tote Ästhetik, schön wird alles, wenn es mit Achtsamkeit gelebt werden. Ein weiteres Attribut der Schönheit ist die Achtsamkeit gegenüber der Welt. „Wenn ich achtsam mit allem umgehe, dann wird auch mit mir achtsam umgegangen.“

Im Leben mit Kindern stellt sich immer wieder die Frage nach Ordnung und Sauberkeit. Oft werden diese Prinzipien durch Hausordnungen und Regelungen „erzwungen“. Ordnung ist kein Wert an sich, sondern hat nur einen Wert, wenn er in die Achtsamkeit, die Schönheit und Ästhetik eingebettet ist. Damit ist „Ordnung“ als Achtsamkeit Teil der Verantwortung für die Welt und für den Menschen neben mir: ich bin beteiligt, eine schöne Welt zu erschaffen und zu erhalten. Diese allgemeine Achtsamkeit ist ein hohes Ideal für eine geborgene Welt, von dem wir uns leider immer mehr entfremden – doch ist es die Lebensbedingung, die Menschen, vor allem Kinder, für ihre Herzensbildung brauchen. 

5.17.   Sinn

Das spezifisch Menschliche ist die Fähigkeit, sich selbst und das Leben von außen anzusehen, in einen größeren Zusammenhang zu stellen und einen höheren Sinn darin zu erkennen. Sinnantworten geben u.a. die Religionen. Höhere menschliche Werte und Haltungen (Liebe, Hoffnung, Altruismus, Ästhetik, …) kommen aus solchen „Konzepten“, für die sich ein Mensch bewusst entschieden hat, oder die ihm in seiner Erziehung vermittelt wurden. Gesellschaften werden durch Regeln und Gesetze zusammengehalten, Gemeinschaften durch Sinn-Konzepte. Äußerer Ziele verbinden Menschen, Sinn eint Menschen.

Geborgenheit hat daher noch diese weitere Dimension, die über rein emotionale Faktoren hinausreicht. Unmittelbar erlebbar wird diese höhere Geborgenheit in existenziellen Grenzsituationen und in Krisen, es ist die höhere Sicherheit, auch dann nicht alleine gelassen zu werden. Wohl ist es diese existenzielle Gehaltenheit, die erst das Ur-Vertrauen in sich und das Leben ermöglicht.

Das Leben vieler traumatisierter Kinder ist gerade durch den Verlust dieses Urvertrauens geprägt, hervorgerufen durch Erlebnisse, in Krisen nicht gehalten, sondern verlassen zu werden. Dies macht auch verstehbar, warum solche Kinder Beziehungen oft bis zur Krise eskalieren, bevor sie Vertrauen wagen.

Blicken wir von dieser Erkenntnis aus auf das heilende Milieu, dann ist die existenzielle Sicherheit die wesentlichste Qualität für das Wachsen des „heilenden Vertrauens“. Dies bedeutet jedoch auch, dass das Kind sich sicher sein muss, auch in Krisensituationen, wenn es sich verliert, nicht verlassen und weggegeben zu werden. Diese Forderung ist oft schwer zu leben, wenn in Krisen andere Kinder und die Mitarbeiter leiden, und dies oft auch noch als eskalierendes Mittel eingesetzt wird. Hier zum Kind zu stehen, wenn alle scheinbar fachlichen Aspekte für den Abbruch der Maßnahme sprechen, bringt auch die Institution an ihre Grenzen und zeigt ihre „höhere“ heilende Kraft. Dies ist wohl auch der qualitative Unterschied zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft.

Dieser verbindende Sinn muss nicht in religiösen Glaubenskonzepten bestehen, wie es typisch für Einrichtungen im kirchlichen Umfeld ist. Der verbindende Sinn, der über weltanschauliche Antworten hinausreicht, ist das Leben des Kindes selbst. Die Liebe zum Kind ist das einende Band einer Wesens-Gemeinschaft, die qualitativ anderes ist als eine gut organisierte Gesellschaft.

5.18.   Zeit, Geschichte

Im Rückblick auf unsere Erfahrungen mit traumatisierten Kindern, hat sich immer mehr die Beziehung als das eigentlich heilende Agens herausgestellt. Wir haben jedoch auch erlebt, dass Beziehung nicht einfach „verordnet“ werden kann, wie ein Medikament, sondern dass sie von den Personen abhängt, wesentlich jedoch auch von der Zeit – Beziehung muss wachsen.

Das Leben unserer Kinder ist durch viele Brüche bestimmt. Es bestanden keine zeitlichen konstanten Entwicklungs-Räume, da Krisen immer wieder zu Abbrüchen führten. Entwicklung braucht jedoch Raum und Zeit. Ein heilendes und bergendes Milieu braucht daher nicht nur einen äußeren Raum, braucht nicht nur Beziehungen, sondern auch die nötige Zeit, dass Beziehung wie eine Pflanze wachsen kann. Steht diese Zeit zu Verfügung, dann wird eine neue Qualität von zeitlicher Sicherheit möglich, d.h. sich sicher zu fühlen, die für die eigene Entwicklung erforderliche Zeit zu haben. Wer ein Haus bauen will, der braucht für ein solches Projekt auch Lebens-Zeit, wohinein er seine Ressourcen bündeln muss. Wer keine zeitliche Sicherheit hat, der wird kein Haus bauen.

Dieser Forderung nach zeitlicher Konstanz stehen oft die äußeren Rahmenbedingungen entgegen, deren Ziel die möglichst schnelle Rückführung des Kindes ist. Wo Entwicklungs-Räume im Elternhaus gegeben sind, ist dies sicher auch sinnvoll, doch müssen die Motive und die Bedingungen kritisch geprüft werden. Durch jedes weitere Scheitern nimmt im Kind die Bereitschaft sich einzulassen ab.     


 

5.19.   Beachtung

Eines der Urbedürfnisse eines Kindes ist das nach Beachtung – Kinder wollen gesehen werden. Warum ist diese Beachtung so bedeutsam, auch für ein heilendes Milieu?

Wie ausgeführt, betritt das Kind nicht als eine autonome Person die Bühne der Welt, sondern als symbiotisches Wesen (Mutter-Kind-Dyade). Wenn wir diese innere Verbundenheit (Einheit) annehmen, dann gehört folgerichtig der andere Teil, wie bei einem siamesischen Zwilling auch dazu; ihn abzutrennen ist lebensbedrohlich. So muss das Kind, wie bei einem Regelkreis, permanent mit der Mutter abgleichen: nicht das Kind spielt, sondern Mutter und Kind spielen, auch wenn die Mutter nur auf der Bank daneben sitzt. Diesen Symbiose-Abstand langsam zu vergrößern, ist das Ziel, was jedoch nur gelingt, wenn sich das Kind der Mutter sicher ist. Dann besteht eine sichere Bindung. Eine sichere Bindung ist die beste Bedingung für die langsame Ablösung des Kindes, als Bedingung für Lernen von Neuem draußen.

Sicher gebundene Kinder entwickeln aufgrund von elterlicher Feinfühligkeit eine große Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bindungsperson. Diese Feinfühligkeit in der Eltern-Kind-Interaktion ist gekennzeichnet durch die prompte Wahrnehmung der kindlichen Signale, der richtigen Interpretation dieser und einer angemessenen sowie prompten Reaktion auf diese Signale, welche keine starke Frustration beim Kind hervorruft.[20]

Traumatisierte Kinder erleben zuhause und in Institutionen oft das Gegenteil: sie sind lästig, weil die Bezugspersonen auf ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse fokussiert sind. Die Bezugspersonen definieren ihre Rolle mehr als Aufpasser und Anweisungsgeber – die Kinder sollen sich mit sich selbst beschäftigen, oder es werden elektronische Medien eingesetzt. Durch eine solche Haltung werden Erlebnisse des Alleinseins im Kind wachgerufen, was sich als Bindungsstörung zeigt. Traumatisierte Kinder reagieren eher unsicher-vermeidend, so als ob ihnen das nichts ausmachen würde, doch haben sie in ihrem Leben auch Verhaltensweisen optimiert, sich störend bemerkbar zu machen und dieses störende Verhalten zu eskalieren, um wenigstens eine affektive Reaktion zu bewirken, um doch noch gesehen zu werden.

Für ein heilendes Milieu heißt dies, dass die Bezugsperson diese (mütterliche) Feinfühligkeit für das Kind entwickeln müssen. Vergleichbar mit einer Nabelschnur muss eine permanente innere Verbindung zum Kind bestehen – Mütter erleben diese Verbindung sogar im Schlaf.

5.20.   Wertschätzung

Eng verbunden mit der Beachtung ist die Wertschätzung des Kindes. Diese besonders zu akzentuieren, hat seinen Grund in einer  falschen Einstellung, die leider sehr verbreitet ist. Es ist die Meinung, das Kind wertzuschätzen, wenn man es belohnt, oder seinem Willen nachgibt; es ist die Haltung das Kind zu verwöhnen und damit zu meinen, dass man es liebt und schätzt. Genau gesehen, ist es Ausdruck von Beziehungslosigkeit. Mit anderen Worten ausgedrückt, ist Belohnung eine Objekt-Beziehung. Wertschätzung ist kein Verhalten und hat mit dem, was man gibt oder erlaubt, nichts zu tun. Die höchste Form von Wertschätzung ist die Beachtung, ist das Da-Sein, ist die eigene Entschiedenheit für das Kind.

6.       Übertragung

Der Begriff der Übertragung stammt aus der Tiefenpsychologie, insbesondere der Psychoanalyse. Er bezeichnet dort den Vorgang, dass ein Mensch alte – oftmals verdrängteGefühle, Affekte, Erwartungen (insbesondere Rollenerwartungen), Wünsche und Befürchtungen aus der Kindheit unbewusst auf neue soziale Beziehungen überträgt und reaktiviert. (WIKI)

6.1.       Übertragung von Rollenerwartungen

Bei unseren Kindern können wir Verhaltensweisen beobachten, die durch das Modell der Übertragung erklärbar sind, die jedoch nicht durch Verdrängung entstehen, sondern auf frühe Prägungen zurückgeführt werden können. Wächst z.B. ein Kind in einer „Beziehungskultur“ auf, die von Gewalt gegenüber der Mutter geprägt ist, dann werden hierdurch im Kind die Rolle der Frau und des Mannes entsprechend geprägt. Diese frühen Prägungen sind sehr resistent gegen Veränderungen, denn sie bestimmten nicht nur die Geschlechts-, sondern auch die soziale Identität des Kindes. Für einen Buben heißt dies, sich als überlegener mächtiger Mann zu fühlen, gepaart mit dem Anspruch, diese Macht auch ausleben zu dürfen. Umgekehrt erlebt sich das Mädchen als minderwertiges Wesen, mit der Rolle, sich anzupassen, zu unterwerfen und eigene Ansprüche aufzugeben.

Damit wird auch verstehbar, warum frühe Traumen so tiefgreifende Auswirkungen in der Identität des Kindes haben. Auch außerhalb der Herkunftsfamilie werden diese Beziehungs-Muster gelebt – sie kennen ja keine anderen. Viele Pflegeverhältnisse scheitern, weil traumatisierte Kinder ihre Identität in der neuen Familie ausleben. Selbst mit bestem Willen besteht oft unauflösbarer Konflikt zwischen der Beziehungs-Kultur der Pflegefamilie, und deren Rollenvorstellungen von Mann, Frau und Familie, und der des Pflegekindes.

Damit wird auch eines der Grundprobleme der Arbeit mit traumatisierte Kinder deutlich: Die Kinder leben ihre Grundprägungen auch in den Beziehungen zu den Mitarbeitern aus, d.h. sie übertragen ihre Rollenerwartungen auf die Bezugspersonen. Im Unterschied zum klassischen Psychotherapie, sind diese Übertragungen jedoch nicht auf eine Sitzung begrenzt und durch das Setting kontrolliert, sondern werden auch real im Alltag inszeniert. Mitarbeiter werden vom Kind in Rollen gedrängt, die sie eigentlich nicht wollen: Frauen wollen nicht abgewertet und nicht als minderwertige Wesen angesehen und behandelt werden, sie wollen auch nicht verbaler und körperlicher Gewalt ausgesetzt sein, in der Weise, wie die Kinder dies bei den sie prägenden „Tätern“ erlebt haben. Durch diese Verhaltensweisen werden im Mitarbeiter auch eigene Erfahrungen von Gewalt wachgerufen und auf das Kind übertragen, was als Gegenübertragung bezeichnet wird. Damit entsteht ein negativer Täter-Opfer-Kreislauf in dem jeder Täter und Opfer zugleich ist.

Eine besondere Form von stellvertretender Übertragung auf weibliche Mitarbeiter finden wir bei vielen unserer Kinder: sie übertragen einen unbewussten Hass auf ihre Mütter, weil diese sie nicht ausreichend geschützt, dem Täter ausgeliefert, alleine gelassen und weggeben haben.

6.1.1.      Psychotherapie

Ziel eines therapeutischen Prozesses ist, diese unbewussten Vorgänge bewusst zu machen und verstehend zu deuten. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass die psychisch negativen Kräfte ihre „Macht“ verlieren, wenn sie bewusst verstanden werden. Verstehen ist die therapierende Kraft, wobei der Therapeut aus seiner unabhängigen Position heraus, diese Deutungsarbeit leistet oder lenkt. Dieser Prozess geschieht vorrangig verbal und erfordert ein zur Reflexion fähiges Bewusstsein, was beim Kind noch nicht gegeben ist.

In unserem milieutherapeutischen Setting sehen wir „Verstehen“ mehr systemisch, als Verstehen der Zusammenhänge. Gelingt es, dass ein Mitarbeiter verstehen kann, warum das Kind sich so verhält, dann ist es leichter, die Täter-Wirkungen (Täterintrojekte) auszuhalten und nicht gleich in die Falle der Gegenübertragung, d.h. des Re-Agierens zu geraten.

Dies führt zu einem sehr wesentlichen Punkt und zeigt, warum sich die Arbeit mit traumatisierten Kindern auf einem schmalen Grad bewegt. Die frühen Prägungen und Täterintrojekte werden gegenüber der Bezugsperson auch als reale Macht ausgelebt, z. T. auch als körperliche Gewalt. Dadurch können für den Mitarbeiter unzumutbare Grenzsituationen entstehen, was die verständliche Forderung begründet, sie zu schützen oder das Kind zu entfernen. Im Setting der KJP wird in solchen Situationen die Gewalt Kindern mittels eines Time-out-Raumes oder der Fixierung begrenzt. Hinzu kommen als innerlich wirkendes Mittel Medikamente. In unserem Setting haben wir uns gegen solche Mittel der Gegengewalt entschieden.

Gewalt in direkter oder indirekter Form gegenüber Mitarbeitern und anderen Kindern, ist ein großes Problem, da aktuell andere geschützt werden müssen. (Anmerkung: das Kind in die KJP einzuweisen, hat sich als nicht gangbar erwiesen, da diese Institutionen nicht bereit sind, schnell und unbürokratisch entlastend zu helfen. Die Polizei zu holen, ist auch kein Weg, weil durch entsprechende Vorerfahrungen auch andere Kindern retraumatisiert werden.) Dies zeigt, wie schmal der Grat ist. Gibt man der Gewalt nach, dann wird die Identitätsprägung im Kind nur noch verstärkt; stellt man sich dagegen, kommt man schnell an Grenzen. Die einfache Lösung ist, sich überfordert zu erklären und das Kind an eine andere Institution weiterzureichen, was die Kinder schon mehrfach erlebt haben und ein weiterer Schritt in Richtung Bindungsstörung und Autonomie ist.

6.1.2.      Heilung

Eine wirklich heilende Lösung kann nur darin bestehen, sich von all diesen „scheinbar“ berechtigten Forderungen und Einschätzungen zu befreien und bereit zu sein, mit dem Kind an die Grenze zu gehen. Durch die ideale Haltung: beim Kind und innerlich frei zu bleiben, und nicht zu reagieren, kann dem „Täter“ seine Machlosigkeit bewiesen werden. Parallel sind jedoch äußere Bedingungen erforderlich, in denen die Auswirkungen auf andere abgemildert werden, d.h. das Kind muss von den anderen Kindern entfernt werden, was bei kleineren Kindern noch leichter möglich ist. Das Kind in der Krise von anderen zu entfernen ist jedoch leicht gesagt, denn es ist ja gerade die Absicht des inneren Täters, gerade diese Konfliktsituation als Wirkung der eigenen Macht zu erleben. Nicht Wegzugehen, sondern Dazubleiben und die Situation aufzuheizen ist das Ziel.

Es muss jedoch angemerkt werden, diese innere Freiheit ist leicht zu fordern, doch real schwer zu leben, denn es ist das Wesen von Tätern, dass sie ihre Macht sehr geschickt inszenieren, gerade auch dann, wenn in der Gemeinschaft oder im Mitarbeiter die Kraft gemindert ist. Diese innere Freiheit, sich nicht in Täter-Opfer-Spiele einzulassen, ist der einzige Weg, die inneren Überzeugungen des Kindes zu verändern. Es ist die Erfahrung, auch in der Situation wo sich das Kind selbst verliert, doch gehalten zu werden und nicht in den Kreislauf von Gegenwalt zu geraten. Auch das Kind erlebt, dass es den Täter-Prägungen oder Anteilen hilflos ausgeliefert ist. Wenn es gelingt, dass der andere Anteil im Kind erkennt, dass es sein Gegenüber verletzt, ist sehr viel gewonnen. Dies macht deutlich, dass die wirkliche Beziehung (Liebe) des Kindes zur Bezugsperson, die einzig verändernde Kraft ist, den inneren Täter Einhalt zu gebieten: man will einen Menschen, den man liebt nicht verletzten. Wir erleben immer wieder, wie das Kind, wenn es sich wieder gefunden hat, darunter leidet, einen ihm lieben Menschen verletzt oder gekränkt zu haben.

Fazit: Sich sicher in einer Beziehung zu fühlen, auch wenn man sich selbst verliert, ist eine Idealbedingung, die nur schwer zu realisieren ist, das sie eine personale Stabilität erfordert, über die nicht jeder Mitarbeiter verfügt und die unabhängig von der fachlichen Qualifikation ist.

Anmerkung: zynisch haben wir immer wieder die Haltung erlebt, in solchen Grenzsituationen sich in eine unbeteiligt kritische Position zu begeben und an psychotherapeutische Wunder zu glauben, oder das Kind als armes Opfer zu erleben. Die, den ganzen Menschen fordernde Herausforderung, selbst an die Grenze zu gehen und sich dem „Täter im Kind“ mit allen Konsequenzen zu stellen, wird aus einer solchen Haltung als unprofessionell und unmenschlich abgewertet. Doch muss auch dem inneren Täter die Grenzen seiner Macht aufgezeigt werden. Gelingt dies nicht, wird das Kind lebenslang Opfer und Täter zugleich bleiben.

6.2.       Übertragung von Wesen und Freiheit

In diesen ersten Überlegungen zur Übertragung ist schon angeklungen, dass es nicht eigentlich therapeutische Techniken sind, die heilend wirken, sondern die Beziehung. Das Ziel muss sein, dass das Kind innerlich von den Täteranteilen frei wird, was einen inneren Reifungsprozess erfordert.

6.2.1.      Übertragung von Wesentlichem

„Wärme“ ist nicht mit einer passiven Wärmestrahlung zu vergleichen; man kann sich nicht neben einen warmen Menschen stellen, wie neben einen Ofen. Wärme geschieht zwischen Menschen, doch nur wenn beide ein Bedürfnis nach Wärme haben. So kann auch ein Kind die Wärme eines Menschen nur spüren, wenn es selbst eine Sehnsucht danach in sich spürt. Dieses etwas altmodische Wort „Sehnsucht“ trifft es am besten. Wesentlich zu sein, d.h. aus dem eigenen Wesen (Sein) zu leben, ist ein Urbedürfnis des Menschen, was etwas ganz anderes ist, als das Bedürfnis ein Eis zu essen.

Im Kind ist diese Ursehnsucht noch unverstellt vorhanden. Das Kind lebt aus seinem Wesen, was ihm auch seine unvergleichliche Lebendigkeit verleiht – in der Beziehung mit Kindern kann man mit dem Wesentlichen in Berührung kommen. Wenn das Wesentliche auch über die Welt hinausreicht, dann ist: „wieder wie ein Kind zu werden“, das Tor ins  Jenseits, das das Ego verdeckt. Dies macht auch verstehbar, warum für uns die Wesentlichkeit so bedeutsam wurde, denn sie ist auch das Tor in die Seele des Kindes.

Wesentlichkeit ist immer auf dein Du bezogen und geschieht in Beziehung. Durch die Definition von Beziehungs-Dimensionen haben wir versucht, eine wesentliche Beziehung näher zu bestimmten. Die Art, wie diese Beziehung geschieht, ist jedoch gänzlich verschieden zu dem, was man als Verhalten bezeichnet. Der Begriff „Übertragung“ erscheint uns am besten geeignet, dieses besondere Geschehen zu benennen. Anders ausgedrückt: Der Mensch hat ein Urbedürfnis, seine Wesentlichkeit auf einen anderen Menschen zu übertragen, wodurch diese Wesentlichkeit auch im anderen ins Schwingen kommen kann.  

Anmerkung: Der Begriff Übertragung ist in der Psychoanalyse mit einer festen Bedeutung besetzt. Wir benutzten diesen Begriff nicht nur in der tiefenspychologischen Weise, sondern auch, in unserem Konzept einer „wesentlichen Beziehung“. Schon Sloterdijk hat darauf hingewiesen, den Begriff weiter zu fassen: Der Begriff wird aufgrund seiner häufigen Verwendung im Kontext der Psychoanalyse heute meist im Sinne einer psychischen Störung verwendet. Peter Sloterdijk weist darauf hin, dass diese Verwendung zu eng ist und weiter gefasst werden sollte, indem er Übertragung als eine Quelle offener schöpferischer Vorgänge betrachtet.  Britta Haye Special (Januar 2002) 

Im Unterschied zur Übertragung, ist Synergie eine vorteilhafte Verbindung von Interessen. Davon zu sprechen, dass von einem Kind der Wunsch nach einem Eis übertragen wird, passt nicht. Ein Kind überträgt seine Wesens-Bedürfnisse nach Geborgenheit und Schutz, nach Wärme und Heiterkeit, nach Nähe und Entschiedenheit auf andere Menschen. Im umgekehrten Sinn überträgt ein wesentlicher Mensch sein Wesens-Bedürfnis nach bergen und beschützen, nach wärmen und erfreuen, nach Nähe und Da-Sein auf das Kind. Geschieht dies wechselseitig, ereignet sich Beziehung.

6.2.2.      Warum ist wesentliche Übertragung heilend?

Wenn ein Mensch seine Sehnsucht nach Wesentlichkeit auf ein Kind überträgt, entsteht augenblicklich eine neue Wirklichkeit, worin das Kind ein freies Wesen ist. In der Wesentlichkeit gibt es keine Erwartungen, denn Wärme, Nähe, Freude, Geborgenheit sind wie ein freies Geschenk. Damit erfährt das Kind eine ganz neue Art zu sein – es kann Freiheit erleben, die das Wesen des Menschlichen ist. Sich nach Plänen, Vorgaben, Gesetzen und Geboten korrekt zu verhalten, ist das Wesen von Automaten und Robotern. Doch ist ein Automat nicht warmherzig.

Durch die Erfahrung der eigenen Wesens-Freiheit – was einzig in einer wesentlichen Beziehung möglich ist – kann das Kind sich aus dem Bann der Macht lösen. Damit wird auch das wahre Gesicht der Täter-Macht erkennbar: Kreaturen dem eigenen Machtanspruch zu unterwerfen; es ist der lustvolle Wille, das freie Wesen zu brechen und zu einem Objekt seines absoluten Machtanspruchs zu entmenschlichen – ihm seine Freiheit rauben. Damit wird auch das Prinzip einer „ursächlichen Trauma-Heilung“ erkennbar: dem Menschen seine Freiheit und damit auch seine Würde zurückzugeben – Heilung stärkt das Sein, und wo dieses gänzlich zerstört wurde, pflanzt Heilung den Funken der Freiheit in die Seele des Kindes.

Dies macht deutlich, was wir als Übertragungs-Beziehung verstehen, die mehr ist als Projektion, denn es wird wirklich etwas hinüber-getragen, besser geschenkt. Dieses etwas ist das eigene Wesen. In einem Kind diese Sehnsucht nach der Freiheit zu erwecken und den Funken des Geistes zu entzünden, ist wie eine neue Geburt im „Reich der Lebendigkeit“. Wer dies erleben durfte, für den wird alle Funktionalität schal und leer. Dies meint wohl auch Sloterdijk, der Übertragung als eine Quelle offener schöpferischer Vorgänge betrachtet.

Kompetenz und Lebendigkeit drücken den grundlegenden Gegensatz aus, auf den wir schon in vielen anderen Lebensbereichen gestoßen sind. Lebendigkeit kommt aus dem Sein und ist etwas ganz anderes, als kompetentes Handeln, es ist, die in der Freiheit keimende, unberechenbare Kreativität, die im Augenblick aufbricht, wie wir sie im Kind erleben können. Damit wird das Ziel von Bildung erkennbar – im Unterschied zu Erziehung –, das freie Wesen des Menschen bei seiner Entfaltung zu unterstützen und ihm dazu die erforderlichen Bedingungen zu bieten, was Sokrates mit der Hebammenkunst verglichen hat (> Mäeutik).

6.2.3.      Anmerkung. Entwicklungs-Stufen des Menschlichen

Wenn wir mit diesen Kriterien auf psychologische Entwicklungs-Konzepte blicken (z.B. Kohlberg, Jane Loevinger), dann wird in den Entwicklungs-Stufen deutlich, dass höhere Stufen der Reife erst mit dem Wesen des Menschen entstehen und untrennbar mit der Freiheit verbunden sind. Es sind keine Verhaltens- sondern Seins-Weisen. Menschlich wird ein Mensch erst, wenn er sich entscheidet, wer er sein will und dieses Sein auch verwirklicht, unabhängig von sich jeweilig ergebenden Vor- und Nachteilen. Wer zu diese Freiheit erwacht ist, wer die „Freiheit in der Entschiedenheit“ erlebt hat, der ist als Mensch neu geboren worden, herausgehoben aus dem bloßen Funktionieren, der Anpassung und des Gehorsams.

Kindern diese Freiheit erlebbar zu machen, ist unser hehres Ziel, es ist das eigentlich heilende Agens der Trauma-Heilung. Erreichen können wir dies nicht durch Konzepte – diese können die Bewusstwerdung fördern –, sondern nur durch freie Menschen. Freiheit ist die Entschiedenheit, mit dem ganzen Wesen da zu sein. Wo dies gelingt, erleben wir in den Kindern die Wirkung der Freiheit und es entsteht eine gänzlich andere Kultur des Miteinanders. Dies heißt, dass in die Freiheit eingebettet, nicht auch elementare Verhaltensweisen „erzogen“ werden müssen, doch stehen diese dann in einen sehr viel größeren Zusammenhang. Verhaltensweisen sind wie Malfarben, die alleine keinen Wert haben, sondern erst in der Hand des Künstlers zum Leben erwachen, und ihm die  Möglichkeit bieten, seinen schöpferischen Geist auszudrücken. In gleicher Weise sind alle funktionalen Kompetenzen nur Ausdrucks-Mittel des Geistes und nicht mehr. Wenn sich ein Kind in einer liebevoll-freien Beziehung geborgen weiß, erhält der erzieherische Alltag einen wesensbildenden Stellenwert. Kinder sehnen sich danach, geliebt und nicht erzogen zu werden. Erziehung ist ein Nebenprodukt der freien Beziehung, d.h. von Bildung.

Damit schließt sich der Kreis: übertragen wird letztlich die Freiheit. Ich übertrage meine Bedürfnisse nach Freiheit in den anderen und hoffe, dass er seine Freiheit in sich spürt und in mich rücküberträgt. Das andere, worin dies geschieht, sind weltliche Rollen, wie die Rolle der Mutter, des Lehrers, des Vaters. Wenn jedoch die Übertragung der Freiheit geschieht, dann gestaltet sich die Rolle nicht nur im Funktionalen, sondern vor allem im Wesentlichen, dann wird aus Versorgung Mütterlichkeit und aus Unterbringung Geborgenheit, aus Erziehung Bildung, aus einem Ausbilder ein Meister, aus einem Lehrer ein Freund. Mit den Worten Marin Bubers gesprochen, wird aus einer Ich-Es eine Ich-Du-Beziehung.

Damit wird auch der innerste Kern der Neufundierung erkennbar, es ist eine Neugeburt in der Freiheit. Wirkliche Heilung kann nur gelingen, wenn der Mensch zu seiner Freiheit erwacht. Darin stirbt der alte Mensch, der unfreie, der verletze, der gebrochene, der missbrauchte, der ungeliebte, der verachtete, der unwerte. Trauma, und dessen Folgen, bestehen auch darin, diese Machtwirkung zuzulassen und darin gebannt zu bleiben. Heilung ist Neuwerdung, ist wie eine neue Geburt, worin dem Helfer die Rolle der Hebamme zukommt.

6.2.4.      Übertragung schafft „Instanzen“

Nach herkömmlichen Vorstellungen ist die Rolle „Mutter“ durch die Struktur „Familie“ definiert. Wie dargestellt, steht in dieser Sicht die Organisation im Vordergrund und es sind Funktionen, die das Geschehen bestimmten. Für die Heilung ist dies jedoch nicht dienlich, denn die heilenden Kräfte können nicht organisiert werden. Für ein heilendes Milieu ist nicht die Organisation entscheidend, sondern die besondere Qualität der Beziehung, daher steht nicht die Familie an der Spitze, sondern die Beziehung, woraus sich alles andere ableitet. Nicht die „Person“ und nicht die „Rolle“ Mutter sind heilend, sondern die Mütterlichkeit als Entwicklungs-Raum für das Kind.

Damit wird deutlich, dass Mutter (grau) und Mutter (grün) qualitativ unterschiedliche Mütter sind. Die Rolle Mutter wird durch die Funktionen bestimmt, wohingegen Mutter nicht durch  äußere Strukturen gegeben ist. Mutter kann jemand sein, ohne mütterlich zu sein. Familie kann sein, ohne dass auch Familiarität ist. Im letzten Kapitel haben wir die Übertragung als das erkannt, was die Mütterlichkeit hervorbringt, doch ist dies nicht an eine reale Mutter gebunden und auch nicht an eine Frau.

Wo diese Übertragungs-Beziehung geschieht, die immer wechselseitig ist, ist die Mutter mehr als eine Rolle, wofür wir den etwas sperrigen Begriff Instanz verwenden.  Kommt dies ins Fließen, dann wird die Person, auf die das Kind seine Wesensbedürfnisse überträgt, als Mutter „instanziert“ und es entsteht ein familiäres Milieu. Dies macht auch deutlich, dass ein heilendes familiäres Milieu nicht einfach zu organisieren ist, es ist kein äußerer „Raum“, sondern der eigentliche Raum ist der innere „Beziehungs-Raum“ worin Familie geschieht zur. Damit erhält die Erziehung und Versorgung des Kindes einen gänzlich anderen Stellenwert, denn sie sind in die Beziehung eingebettet. Erziehung geschieht in diesem Sinne wesentlich, d.h. zwischen freien Wesen; sie ist eine wesentliche Beziehung. Die Autorität erhält die Mutter nicht durch ihre Funktion, ihr Alter, ihre „Macht“, sondern durch ihre Wesentlichkeit, was letztlich Liebe ist.

Stellen wir nochmals beide „Modelle“ klärend gegenüber: Den Begriff „Rolle“ haben wir der funktionalen Welt zugordnet. Rollen können nicht übertragen werden, sondern Rollen werden in einem funktionalen Kontext definiert. In einer wesentlichen Beziehung wird die Rolle Mutter in die Instanz Mutter gewandelt.

Instanzen sind Konkretisierungen von Prinzipien. Dies bedeutet formal, dass das Prinzip Mütterlichkeit in unterschiedlichen Personen vom Kind instanziert werden kann. So kann es im Leben eines Kindes nur eine „reale“ Mutter, doch mehrere „Mutter-Instanzen“ geben. Zur Mutter-Instanz wird eine Person, wenn das Kind seine Wesens-Bedürfnisse auf diese Person überträgt. Es ist das Kind, welches die Person instanziert. Dies gilt auch umgekehrt: Zur Kind-Instanz wird das Kind für eine Person, wenn diese ihre eigenen Wesens-Bedürfnisse auf das Kind überträgt. Kommt es zu dieser Entsprechung, dann kommt es zur Geburt einer neuen wesentlichen Beziehung, quantenmechanisch gesprochen, zu einer Verschränkung. Diese entsteht dadurch, dass jeder Teil vom anderen wird. Psychologisch gesprochen entsteht eine neue Gestalt, oder eine neue Ganzheit. Übertragung ist daher auch das konstitutive Prinzip dieser Ganzheit.

Anmerkung: philosophisch gesehen, ist Sein immer ein In-Beziehung-Sein. Die Neuwerdung kann daher nur in Beziehung geschehen. So wird das Kind nicht als isoliertes Wesen neu geboren, sondern als Mutter-Kind-Dyade.

6.2.5.      Anmerkung: Kommunikation

Daraus ergibt sich die Frage, ob Übertragung auch einseitig möglich ist, d.h. das Kind auf eine Person seine Wesens-Bedürfnisse überträgt, jedoch keine Entsprechung entsteht?

Übertragung – im definierten Sinn – ist immer zweiseitig. Die sensible Beziehung (Austausch von Zärtlichkeit) zwischen einer Person und dem Kind macht dies anschaulich. Jeder ist sowohl Gebender als auch Empfangender. Die Berührung des anderen muss von diesem angenommen werden. Eine liebkosende Hand kann nicht für sich alleine liebkosend sein, sondern braucht die Wange des Dus. Ebenso braucht auch der liebkosende Gedanke das Ohr und Hirn des Dus. Hand und Wange, Wort und Ohr sind eins. Trennt man die Wange von der Hand, dann zerbricht alles. Eine Hand alleine, ohne das annehmende Du, erstarrt zu einer bloßen Geste. Anmerkung: Für mich ist dies auch die „Lösung“ des bekannten Koans von Hakuin Sekishu „Was ist das Klatschen einer Hand?“.

So gibt die Mutter dem Kind die Hand und das Kind der Mutter die Wange. In gleicher Weise empfängt das Kind die Hand, wie die Mutter die Wange. Übertragung geschieht (d.h. Übertragen im Sinne von wechselseitigem Fließen von psychischer Energie), wenn Beziehung in diesem Sinne für beide erlebbar wird. Dieser Fokus auf das Fließen macht deutlich und anschaubar, dass die Mutter nicht nur eine rein gebende, sondern ebenso eine empfangende Person ist. Ohne das korrespondente Empfangen seitens des Kindes, bleibt die Mütterlichkeit ohne Kraft und zehrt aus. Beziehung ist immer wechselseitig!

Der Psychoanalytiker Winnicott gelangt in diesem Kontext zu der Erkenntnis, dass eine gute Mutter nicht nur ständig für ihr Kind da zu sein habe, sondern aus ihrer Hingebung am Kind persönliche Bereicherung und individuelle Befriedigung erfahren muss, um das optimale Entwickeln ihres Kindes zu gewährleisten.

Asymmetrische Beziehungen sind die Ursache von vielen Problemen in der Mutter-Kind-Beziehung. Auch das Kind muss erfahren und lernen, dass Beziehung nicht einseitig ist, sondern es selbst eine gebende Person ist und es die Mutter nicht nur funktional „gebrauchen“ kann. Kinder, die nie eine wesentliche Beziehung erlebt haben, sind beziehungs-gestört. Störungen der Sensibilität sind die Folge, die auch als Egoismus oder Narzissmus bezeichnet werden können. Solche Personen wollen nur empfangen und nicht geben. Bei unseren Kindern erleben wir sie als Autonomie.

7.       Regression

7.1.       Regression als Verhalten

Regression beschreibt innerhalb der psychoanalytischen Theorie einen psychischen Abwehrmechanismus. Mit dem Ziel der Trieb-Impuls-Abwehr oder der Angstbewältigung erfolgt ein zeitweiliger Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe in der Persönlichkeitsentwicklung mit einfacheren, primitiveren Reaktionen und in der Regel auch niedrigerem Anspruchsniveau.[1] Beispiele für regressive Verhaltensmuster sind Weinerlichkeit, Rückzug, Flucht in Krankheit, Trotzverhalten und Fresslust. (WIKI)

7.1.1.      Regression als Abwehr oder Schutz

Eine in dieser Weise definierte Regressionen erleben wir auch bei unseren Kindern, jedoch weniger als Abwehrmechanismus, sondern als unbewusste Strategie, in schwierigen Lebenssituationen zu „überleben“. Neben den unmittelbaren Trauma-Reflexen (fight, flight, freeze) ist Regression eine Überlebensstrategie des Kindes. Es ist der Versuch, durch kindliches Verhalten (Kindchenschemen), entsprechende Reflexe (direkt: „Beißhemmung“, Schlaghemmung, indirekt: Behüten, Versorgen, Schützen, Mitleid …) beim Gegenüber (Täter) auszulösen. Die Gefahr ist, dass dieses Schema auch im späteren Leben bestehen bleibt und Regression als Scheinlösung bei Problemen eingesetzt wird, beim Kind aber auch zur Durchsetzung des eigenen Willens. Therapeutisch kann dieses Verhalten nicht einfach gelöscht oder unterbunden werden, da Regression auch Sicherheit vermittelt und Zuwendung bewirkt.

Regression zuzulassen, ja zu unterstützen, und nicht zu unterdrücken, haben wir als heilend erlebt. Es ist für das Kind eine Möglichkeit, sein Gefühl der Hilflosigkeit zu kontrollieren, weil mit der Regression auch Macht verbunden ist. Es gilt jedoch sensibel zu spüren, wo damit Manipulation verbunden wird. Dem Kind in seiner regressiven Welt zu begegnen ist etwas anderes, als sich von ihm beherrschen und z.B. durch Trotzverhalten tyrannisieren zu lassen. Die klare Grenze ist die Würde des anderen.

7.1.2.      Nachholende Regression

Eine andere Form von Regressions-Bedürfnis tritt auf, wenn das Kind durch widrige Lebensumstände Entwicklungs-Phasen nicht ausreichend durchleben konnte. Begünstigt werden bei traumatisierten Kindern die Defizite auch dadurch, dass die schwierigen Lebensumstände oft eine künstliche Reifung (Akzeleration) bewirken. Kinder mit schweren Schicksalen wirken künstlich gealtert oder frühreif. Dann tritt in späteren Abschnitten das Bedürfnis auf, dieses Entwicklungs-Defizit nachzuholen, gleichsam die Hohlräume im Lebensfundament nachträglich aufzufüllen. Nachholende Regression ist ein natürlicher Mechanismus der Selbstheilung.

Ein heilendes Milieu besteht wesentlich auch darin, einen nachholenden Entwicklungs-Raum zu bieten, worin das Kind seine regressiven Bedürfnisse gestalten und ausleben kann, auch wenn dieses Außenstehenden oft peinlich erscheint. Dies macht deutlich, dass die Verkindlichung zulassen zu können, großes Vertrauen bedarf, denn es kann leicht als lächerlich gewertet werden und Spott bewirken – Regression macht verletzlich. Dieses Nachholen oder Nachlernen in der Regression zu ermöglichen, ist ein sehr wichtiger Faktor für die Heilung. Ein therapeutisches Grundprinzip lautet: es kann der Blick nur nach vorne gerichtet werden, wenn die Vergangenheit geklärt ist; es kann nur ein Haus gebaut werden, wenn die Fundament fest sind. Dies bedeutet auch, dass Lebensenergien des Kindes in dieser Regressions-Arbeit gebunden sind und daher in den altersgemäßen Anforderungen, vor allem in der Schule, nicht zu Verfügung stehen. Für die Umsetzung unseres Konzeptes sind daher die Schule und die Lehrer, die die Zusammenhänge verstehen, eine Grundbedingung.

7.2.       Regression als Wesensäußerung

Was für den Begriff Übertragung gilt, das gilt auch für die Regression, es ist ein Konzept der Psychoanalyse, doch bietet dieses Konzept mehr Möglichkeiten, die über diesen Kontext hinausreichen. Auch hier gilt die Sloterdijksche Forderung; nicht nur Übertragung sondern auch Regression als eine Quelle offener schöpferischer Vorgänge zu betrachten.

7.2.1.      Anpassung

Ein Erwachsener und ein Kind befinden sich auf unterschiedlichen Alters- und damit auch Entwicklungs-Stufen – Denken und Bewusstsein des Kindes sind noch unreif. Um einem Kind gerecht werden zu können, muss daher jede Art von Versorgung, Hilfe, Unterstützung, Anregung … kindgemäß, d.h. auf der Entwicklungs-Stufe des Kindes erfolgen. Würde eine Bezugsperson auf der Stufe ihres erwachsenen Sprachniveaus mit dem Kind reden, würde das Kind den Sinn nicht verstehen. Auch motorisch braucht ein Säugling ein anderes „Handling“ als ein Erwachsener. Ein Kriterium von Kompetenz ist die Anpassung des eigenen Verhaltens an den Entwicklungsstand des Kindes. So ist die Fütterung eines Kindes mit 2 Wochen eine andere als die mit 2 Monaten oder 2 Jahren.

Diese „Anpassung einer Leistung“ ist eine Grundbedingung von Professionalität. Doch würden wir diese Anpassung nicht als Regression bezeichnen, auch wenn sich die Mutter in ihrem Verhalten dem Kind gemäß verhält und selbst in ihrer Sprache kindliche Züge annimmt. Anpassung bezieht sich nur auf das Verhalten, und darin auf bestimmte Verhaltensweisen. Die Person bleibt in ihrer Erwachsenen-Wirklichkeit; sie erbringt nur kindgemäße Leistungen.

7.2.2.      Wesentliche Regression

In unserem Konzept haben wir dem Verhalten die Wesentlichkeit gegenübergestellt. Damit stellt sich die Frage, wie eine wesentliche Beziehung auch einem Kind gegenüber gelebt werden kann, das sich auf einer ganz anderen Entwicklungsstufe befindet. Das eigene Verhalten dem Niveau des Kindes anzupassen, ist keine wesentliche Beziehung.

Die Wesentlichkeit ist unabhängig von äußeren Bedingungen – sie ist immer gleich; doch sind die Ausdrucksmittel der Wesentlichkeit unterschiedlich. Die Beziehungs-Dimensionen, womit sich die Wesentlichkeit ausdrückt, sind zeitlos; eine Person ist warmherzig, jedem gegenüber, unabhängig davon, wie alt, welchen Geschlechts und welchen Standes er ist. Und doch ist eine wesentliche Beziehung nicht starr und geschlossen, sondern offen und zugewandt; sie ist immer auf den anderen bezogen – diese Bezogenheit ist ihr Wesen. Zwei Worte unserer Sprache drücken es aus: Zugewandtheit und Hingabe.

Damit erhält die Mütterlichkeit, als Ausdruck der Wesentlichkeit, eine neue dynamische Qualität: sie ist nicht starr, sondern in jeder Beziehung individuell. Dies heißt, dass sich die Säuglings-, Kleinkind-, Pubertäts-Mütterlichkeit qualitativ unterscheiden. In gleicher Weise sind auch die anderen Entwicklung-Optionen (Heimatlichkeit, Häuslichkeit, Familiarität, Väterlichkeit, …) Ausdrucksweisen der Wesentlichkeit, und damit individuell und altersgemäß. Dies bedeutet, dass sich eine mütterliche Mutter mit ihrem ganzen Wesen auf der Stufe des Kindes befindet, was wir als wesentliche Regression bezeichnen. Dadurch entsteht die besondere „Intimität der Mütterlichkeit“, sie ist die zweite „Gebärmutter“ für die Entwicklung der Wesentlichkeit des Kindes. Dies macht aber auch traurig verstehbar, wie der Wesenskern eines Kindes verkümmern kann, wenn kein „nährender Raum“ ist, zu keinen und sich zu entfalten.

Anmerkung: Wenn ein Mensch in ihm angelegte Anlagen nicht entfalten kann, dann ist dies in der bewussten Rückschau auf das eigene Leben enorm kränkend. Doch wie verletzend muss es sein, auf die verkümmerten und ungelebten Wesensanlagen zu blicken. Ist die unbefriedigte Sehnsucht nach Wesentlichkeit die Ursache für die radikale Gewalt? Ist sie gar die Ursache des Bösen im Menschen?

Anmerkung: Auch aus dem Blick der Evolution ist eine wesentliche Entwicklung kein unverbundenes Übereinanderstapeln von neuen Kompetenzen, sondern in der jeweiligen Entwicklungsstufe wird die vorherige eingeschmolzen – Neues und Altes verbinden sich zu einer neuen Qualität. Daher ist es schwer vorstellbar, wie die alte Stufe wieder aus dem Neuen herausgelöst werden kann. Wenn wir Radfahren gelernt haben, dann können wir es nicht wieder verlernen; wenn wir die Bedeutung eines Wortes verstanden haben, dann können wir dieses Verstehen nicht einfach wieder abstellen. Daher ist eine wesentliche Regression immer ganzheitlich. Mütterlichkeit ist immer ganz. 

Blicken wir nochmals zurück: Eine wesentliche Regression (Mütterlichkeit, Väterlichkeit, Familiarität …) ist keine Verhaltensweise, sondern Ausdruck des Seins. Daher ist diese Beziehung auch keine Reduzierung, sondern Bereicherung. So würde auch eine wesentliche Beziehung eines hochgebildeten Menschen zu einem ganz einfachen Menschen keine Reduzierung bedeuten, und es würde die wesentliche Beziehung Gottes zu uns Menschen für ihn keine Herablassung sein.