Unsere Erfahrungen mit traumatisierten Kindern,
und was wir als heilend erlebt haben.

Nachfolgend haben wir einige Erkenntnis dargestellt, die für uns im Zusammenleben mit traumatisierten Menschen bewusst geworden sind. Es ist keine systematische Darstellung, sondern mehr eine sich überschneidende Sammlung von Erkenntnissen. Wir erleben uns nicht als Wissende, sondern als Lernende.


Ausgangspunkte

Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte haben das Bewusstsein geschärft, wie tiefgreifend die Auswirkungen von Gewalterfahrungen (direkte, indirekte) auf den Menschen sind, vor allem, wenn sie früh in noch sensiblen Phasen der Kindheit und Jugend erfolgen. Es zeigt sich auch immer mehr, dass ein „Trauma“ nicht nur als sexualisierte Gewalt zu verstehen ist, sondern vielfältige Gesichter hat. Vor allem emotionale Vernachlässigung in frühen Phasen schädigen einen Menschen in allen „Fundamenten“, sie können sogar lebenslang wirkende, strukturelle Veränderungen in den Genen verursachen. 
Diese Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass der Begriff „Trauma“ heute fast inflationär gebraucht wird. Für die konkrete Hilfe für Kinder ist jedoch eine differenziertere Sicht erforderlich.
Entscheidend für die Folgen von Traumatisierungen sind das Lebensalter, die Art der Gewalt, die Dauer der Gewalteinwirkung und individuell konstitutionelle Faktoren. Einen wichtigen Einfluss hat das Umfeld. Die Folgen sind umso schwerwiegender, je ausgelieferter sich ein Menschen / Kind erlebt und je weniger „heilende“ Kräfte vorhanden sind.
Unsere Erfahrungen mit traumatisierten Kindern haben gezeigt, dass die Spätfolgen entscheidend dadurch beeinflusst werden, wie die Gewalt (der Täter) ins Leben tritt. Die Gewalt kann in einer „harten“, abrupten Weise erfolgen (z.B. Vergewaltigung), sie kann sich aber auch unmerklich ins Leben eines Kindes „schleichen“ (Missbrauch durch vertraute Personen). Im naiven Blick erscheint die erste Form der Traumatisierung dramatischer (sie ist auch leichter zu beweisen), doch ist diese Art der unmittelbaren Gewalt für das Opfer oft leichter zu verarbeiten, da die natürlichen Schutzreflexe wirken können (Flucht, Kampf, Erstarren). Vor allem der Schutzreflex der Dissoziationen (sich wegbeamen) können das Geschehen abmindern, jedoch um den Preis, dass dieser Schutzmechanismus sich einbrennt und meist weiterhin bestehen bleibt. Dann können geringe Ähnlichkeiten mit der damaligen Situation (Trigger), die Dissoziation erneut auslösen (flash back).
Die zweite Form der Traumatisierung umgeht diese natürlichen Schutzmechanismen, denn sie schleicht sich in perfider Weise in das Vertrauen des nun schutzlos ausgelieferten Kindes. Traumatisierungen durch vertraute Personen wirken daher sehr viel tiefer. Sie zerstören das Bezugssystem und das Grundvertrauen. Der „Lebens-Boden“ wird brüchig. Die elementare Sicherheit geht verloren. Misstrauen, Schuld- und Schamgefühle sind die Folge. Ein solcher Mensch wird heimatlos und fremd in sich und in der Welt. Das Vertrauen wird zerstört, mit massiven Folgen in allen Bereiche des Lebens.

Opfer-Täter-Spaltung

Der grundlegende seelische, soziale und körperliche Mechanismus eines Traumes ist die Spaltung. Diese durchzieht alle Lebensbereiche und bestimmt das Leben der betroffenen Menschen. Üblich wird diese Spaltung als Dissoziation verstanden und steht im Mittelpunkt der Therapie. Sehr viel grundlegender ist jedoch die Spaltung des traumatisierten Menschen in eine Opfer- und eine Täterpersönlichkeit.
Dass traumatisierte Menschen Opfer sind, und sich auch als solche erleben, ist die übliche, oberflächliche Sicht, die sich auch drin ausdrückt, dass diesen Menschen sehr viel Mitgefühl und Mitleid entgegen gebracht wird. Die Opfer-Rolle birgt jedoch die Gefahr, dass sich der traumatisierte Mensch im Selbstmitleid bindet und sich die Opferrolle als Identität und als Lebensstil zulegt – das Opfer-Sein wird zur Persönlichkeit.
Traumatisierende Situationen und personale Täter wirken jedoch auch enorm prägend auf das Opfer, in dem Maße wie sehr es sich ausgeliefert fühlt. Der „allmächtige“ Täter wird so zu einem Modell, vor allem für Kinder, die noch nicht über ein ethisch ausgereiftes Bezugssystem verfügen. Dadurch „injiziert“ der Täter seine Persönlichkeit und sein Verhalten in das Opfer, was anschaulich als „Täter-Introjekt“ bezeichnet wird.
Das Kennzeichen von traumatisierten Personen ist neben der Dissoziationen diese Opfer-Täter-Spaltung. Diese gibt der Arbeit mit traumatisierten Kindern ihr besonderes Gepräge.

Borderline-Persönlichkeit

Durch diese Spaltung entstehen im traumatisierten Menschen drei Identitäten, gleichsam drei eigenständige Personen: die Ursprungsperson, das Opfer und der Täter, die in interschiedlichen „Mischungen“ vorkommen können.  Diese Gespaltenheit gibt vielen Betroffenen ihre ganz eigene Persönlichkeit, denn es ermöglicht, zwischen den Identitäten zu wechseln, bis dahin, dass sich eigenständige Persönlichkeiten (Innies, innere Kinder, Alter-Persönlichkeiten) abspalten können (>Dissoziative Identitätsstörung). Diese Störung der homogenen Identität wird auch als Borderline-Störung erlebbar. Sie ist umso ausgeprägter, je mehr und je schneller jemand zwischen den einzelnen Identitäten wechseln kann. Dieser rasche Identitätswechsel wirkt enorm verwirrend auf das Gegenüber. Dieser Identitätswechsel gibt dem Betroffenen jedoch eine ganze eigne Art von Beziehungs-Macht, die als effektiver Mechanismus zur Beziehungsvermeidung (Abwehr) eingesetzt wird, um sich vor weiteren Übergriffen zu schützen.

Bindungsstörung

Das Verhalten vieler traumatisierter Kinder ist durch diesen Wechsel zwischen Täter- und Opfer-Identität gekennzeichnet, was sich als Bindungsstörung äußert. Es ist die Unfähigkeit zu vertrauen, (Beziehungsangeboten zu trauen, Vertrauensblindheit). Bindungsstörung ist die Abwehr-Strategie, sich nicht mehr einzulassen und eine autonome Persönlichkeit zu entwickeln, die durch ihre Autonomie Macht gewinnt, die sie schützt und ihr ein Überleben ermöglicht. Diese Autonomie-Macht kostet jedoch einen sehr hohen Preis. Sie nimmt das Vertrauen und damit die Beziehung aus dem Leben.
Die pädagogische und therapeutische Arbeit mit traumatisierten Kindern wird wesentlich durch diese Täter-Opfer-Dynamik bestimmt und die damit verbundene Abwehrstrategie (Bindungsstörung, Autonomie). Daraus ergeben sich besondere Anforderungen.

Störung des Bezugssystems

Das innere Bezugssystem zu prägen (damit das, was als „normal“ erlebt wird), ist ein wesentlicher Auftrag von Erziehung. Diese Prägungen geschehen unbewusst in der frühen Kindheit durch die Lebensbedingungen und die vertrauten Bezugspersonen.
Traumatisierte Menschen sind anders. Sie stehen in vielem außerhalb der Norm, denn sie verfügen über Lebenserfahrungen, die über „normale“ Alltagserfahrungen oft weit hinausgehen. So mussten Kinder in ihrem kurzen Leben oft schon „Dinge“ erleben, die einem „normalen“ Mensch sein Leben lang nicht widerfahren. Dies verändert das Leben grundlegend.
Je extremer diese Bedingungen waren, in denen ein Kind heranwuchs, desto mehr wird dadurch sein innerste Bezugssystem verschoben (geprägt, >Täterintrojekte) und Abartiges rückt in den  Normbereich. Wer täglich Gewalt erfährt, für den wird Gewalt etwas Normales. Wer keine verlässlichen Beziehungen erfährt, für den ist das Wesen von Beziehung die Nichtverlässlichkeit. Wer keine Liebe erlebt hat, für den ist eine lieblose Welt normal. Wer keine Zärtlichkeit kennt, für den fehlt diese Farbe in seiner Welt, wie für einen farbenblinden Menschen bestimmte Farben auch nicht Teil seiner Welt sind. Wer in Kriegsgebieten das tägliche Sterben erleben musste, oder wer auf der Flucht ist und alles verloren hat, für den relativiert sich alles, was für ein normal bürgerliches Leben einen Wert hat. Es wird in einem solchen Bezugssystem bedeutungslos. 
Bezugssysteme zu verändern, ist ähnlich schwer, wie in einem Haus nachträglich die Fundamente umzukonstruieren. Ein elementares Grundgesetz von Pädagogik und Therapie lautet, dass eine verändernde Kraft in der gleichen Qualität wirken muss, in der die Störung vorliegt, d.h.  Störungen der Fundamente können nur durch fundamentale Kräfte „geheilt“ werden.

Langzeitfolgen von Traumen

Das große Problem bei den Traumatisierungen ist die Gewalt. Wenn Gewalt zur Normalität wurde, dann ist sie oft einzige „Sprache“, die dieser Mensch versteht. Auch erleben viele Kinder Gewalt und die daraus resultierenden Probleme nicht als Störungen unter denen sie leiden – es ist ja ihre geprägte Normalität. Leiden tut das Umfeld.
Ohne kompetente Hilfe, bleiben viele traumatisierte Menschen oft lebenslang in dieser Spaltung gefangen: Sie können sich nicht aus ihren Täterprägungen befreien und werden dadurch selbst immer wieder zum Täter. Zum anderen werden sie selbst immer wieder zum Opfer der eigenen Täter-Introjekte (Reinszenierung des Traumas).
Traumatisierte Menschen sind aber auch besonders anfällig für erneute Traumatisierungen (durch Täter oder die Lebens-Umstände). Dies macht auch verstehbar, warum viele traumatisierte Menschen immer wieder in die Gewalt abgleiten und Sucht, Prostitution, Tätlichkeiten, aber auch Autoaggressionen und Suizid, häufig in der Lebensgeschichte zu finden sind. Es ist auch der Grund, warum Traumen über Generationen hinweg wirken, weil sich die Betroffenen nicht aus dem Opfer-Täter-Zirkel befreien können und sie ihre Prägungen (ihre Bezugssysteme) und ihre Gespaltenheit wieder an ihre Kinder weitergeben. Dies zeigt, wie mächtig die Täter-Opfer-Verschränkung ist. Es zeigt aber auch, wie schwer sie zu durchbrechen ist.  

Heilung vs. Therapie

Wir finden daher das Wort „Therapie“ für das Geschehen nicht recht passend, denn mit therapeutischen „Methoden“ können zwar Symptome gelindert, doch nicht die Fundamente stabilisiert werden. Traumen müssen ausheilen, wozu sie weniger Methoden, denn eines heilenden Milieus bedürfen. Es macht aber auch verstehbar, warum es erforderlich ist, möglichst früh entgegenzuwirken, bevor die Spaltung sich zur Persönlichkeit und zum Lebensstil verfestigt.
Daher ist eines der grundlegenden Erkenntnis in der Arbeit mit traumatisierten Menschen, dass Gewalt zu ihrer Grunderfahrung gehört und Beziehung wesentlich durch Macht bestimmt ist. Damit steht man als Bezugsperson automatisch mit in der Täter-Opfer-Spaltung und man kann es kaum vermeiden, selbst immer wieder in die Täter- und Opfer-Rolle gedrängt zu werden.
Dies zu erkennen und sich der eigenen Täter- und Opfer-Anteile bewusst zu werden, ist eine der Grundprinzipien einer erfolgreichen Arbeit mit traumatisierte Menschen. Verstehen können wir das Geschehen nur, wenn wir Ansätze davon in der eigenen Psyche erkennen. Diese „Suchhaltung“ ist die Grundlage der Fachlichkeit, die weniger an formale, sondern mehr an personale Qualitäten gebunden ist (Irren ist menschlich – Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie – Klaus Dörner, Ursula Plog, Christine Teller, Frank Wendt).

Expertentum der Betroffenheit

Dies macht auch verstehbar, warum traumatisierte Mensch, denen es gelungen ist, sich aus den negativen Zirkeln ihres Traumas zu befreien, für die Arbeit mit traumatisierte Menschen sehr geeignet sind (Expertentum der Betroffenheit). Sie können die für einen Nichtbetroffenen oft schwer nachvollziehbaren Phänomene wesentlich besser verstehen und mitempfinden.
Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Menschen für traumatisierte Kinder eine natürliche „Authentizität und Autorität der Betroffenheit“ besitzen. Gerade diese besondere Qualität kann an den Fundamenten wirken. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass „betroffene Helfer“ selbst durch die Kinder „getriggert“ werden und sich ihre eigenen Täter-Opfer-Verschränkungen reinszenieren. Auf der anderen Seite kann, anderen aus ihrer Gefangenheit heraus zu helfen und mitzuwirken den unseligen Generationeneffekt zu durchbrechen, für den „betroffenen Helfer“ selbst sehr hilfreich sein. Hierdurch kann ein positiver Zirkel geschlossen werden, in dem traumatisierte Kinder und betroffene Helfer voneinander enorm profitieren können. 
Es sei nochmals darauf verwiesen, wie schwer es ist, das innere Geschehen der Traumatisierung nachzuempfinden, zu verstehen und wirklich verändernd einzuwirken, und nicht selbst wieder in die Täter-Opfer-Fallen zu geraten. 

Die besondere Beziehung zu traumatisierten Kindern

Wie aufgezeigt, sind Gewalt und Macht (direkte und indirekte) die Grundprägungen traumatisierter Kinder, die sich in den alltäglichen Beziehungen reinszenieren. Das Kind in „Watte“ zu packen, hilft ihm nicht, sondern verfestigt nur seine Grundprägung als Opfer, was schnell dazu führt, dass das Kind in die Täter-Rolle kippt, den sentimentalen Helfer zum Opfer macht und ihn für die eigenen Machtbedürfnisse instrumentalisiert.
Dies gibt der Beziehung mit traumatisierten Kindern ihren besonderen Charakter. Traumatisierte Kinder und Helfer stehen nicht im gleichen Bezugssystem. Die Bedeutungen sind unterschiedlich: Was für das Kind „normal“ erscheint, ist für den Helfer „abnormal“; was für den Helfer „normal“ ist, hat für das Kind keinen hohen Wert. So ist z.B. ein aufgeräumtes Zimmer für manche Kinder eher ängstigend, wenn sie zuhause im Chaos und „Siff“ aufwuchsen, was für sie eine normale und gewohnte Umgebung ist. In gleicher Weise kann für ein Kind Gewalt ein übliches Mittel der Kommunikation sein. Dagegen kann ein gewaltloser, softer Stil das Kind erheblich verunsichern. Dies macht auch verstehbar, warum manche Verhaltensweisen, die traumatisierten Kindern normal erscheinen, die Bezugspersonen sehr verletzen können, weil sie nicht in ihr „normalbürgerliches“ Wertesystem passen. In ihrem Bezugssystem sind die Kinder „schrecklich“. Die Folge: man fordert autoritäre Mittel (Gegengewalt), oder versinkt in Mitleid (Opferhaltung). Auch hört man immer wieder die Forderung, dass man dieses abnormale Verhalten nicht dulden könne (… im Bezugssystem der eigenen Normalität!).
Dies macht deutlich, wie sehr traumatisierte Kinder das Gegenüber in einen schier unlösbaren Konflikt verwickeln können. Eine Scheinlösung des Konfliktes besteht oft darin, das Problem zu formalisieren (Hausordnung, Regelsysteme), oder sich fachlich als überfordert zu erklären und das Kind an andere Autoritäten abzugeben (Therapeuten, Profis, Medikamente). 
Wie kann dieser Konflikt gelöst werden, der unlösbar scheint? Wie kann eine Brücke zwischen den beiden Welten geschlagen werden? Wie kann eine Schnittmenge erreicht werden? Wie kann eine wirkliche Beziehung gelingen?

Der Unterschied von Macht und Gewalt

„Macht“ in den unterschiedlichsten Formen gehört zum Leben – sie ist die Grundkraft der Evolution. So hat ein Bakterium Macht über den Menschen, doch auch der Mensch hat mit einem Antibiotikum Macht über das Bakterium. Es ist ein Kampf der unablässig geführt wird.
Auch das alltägliche Leben mit Kindern ist durch solche Macht-Kämpfe bestimmt, wenn es darum geht, dass die Kinder ins Bett gehen sollen. Zwar haben die Eltern formal mehr Macht, doch verfügen auch die Kinder über ein reiches Repertoire an Gegenmacht. Dieses Wechsel-Spiel verleiht dem Leben seine Farben und diese Macht-Spiele gestalten den pädagogischen Alltag, vom Aufstehen bis zum beim Bettgehen.
In diesem Mit- und Gegeneinander der Interessen erlebt das Kind die Bedürfnisse seines Gegenübers und damit auch dessen Freiräume und Grenzen. Das Kind muss für eine gesunde Entwicklung diese Macht erleben, d.h. seine eigene Macht und die der anderen. Sind die Bezugspersonen selbst „strukturlos“, schwach und verwöhnend, und können keine Grenzen setzten, weil sie selbst keine Grenzen in sich haben, wird im Kind ein Welt-Konzept geprägt, worin es sich als übermächtig bis allmächtig erlebt. Viele Probleme der Erziehung haben darin ihre Ursache. Sie zeigen auch auf, wie schnell Kinder zu kleinen Tätern gegenüber ihren Eltern werden, wenn ihr Ego übermächtig wird. Damit wird auch deutlich, dass „Verwöhnung“ nichts mit Liebe zu tun hat, sondern eine verdeckte Form von Gewalt darstellt, welche die Kinder traumatisiert, was an den Folgen erkennbar wird. 
Dies ermöglicht eine definitorische Unterscheidung von Macht und Gewalt.
Das Wesen von Macht ist die Balance, wie am gesunden Wechselspiel zwischen Eltern und Kindern erlebbar. Es verleiht der Beziehung ihren spielerischen Charakter, was nicht heißt, dass auch ernste Worte vonnöten sind, wenn Grenzen unsensibel überschritten werden.
Im Gegensatz dazu, ist die Gewalt einseitig. Wenn Gewalt ausgeübt wird, dann geht es nicht darum, die Bedürfnisse des anderen zu erspüren und ein Macht-Gleichgewicht einzustellen. Gewalt hat nichts mit einem „Spiel“ zu tun – es gibt kein Gewalt-Spiel. Gewalt ist absolut ernst und kompromisslos. Gewalt ist absolut (>die Gewalttätigkeit des Fundamentalismus).
Am Beispiel der entgrenzten Kinder wird es erkennbar: die Bedürfnisse der Eltern sind ihnen egal, denn es geht ihnen aus-schließlich um ihre eigenen Vorteile. Dieser blinde Egoismus ist das Wesen der Täterhaftigkeit. Gewalt macht den anderen zum Opfer.
Dies macht deutlich, dass nicht die Macht einen Menschen ihn zu einem Täter macht, sondern die Gewalt. Gewalt ist die entkoppelte Macht, die sich rücksichts-los über die Bedürfnisse anderer hinwegsetzt, um eigene Vorteile durchzusetzen.
Gewalt wandelt den anderen von einem freien Subjekt in ein unfreies Objekt. Mit Martin Buber gesprochen, wird das Du zu einem Es, wird die Ich-Du-Beziehung zu einer Ego-Es-Beziehung. Damit ist es möglich, das Wesen von Gewalt gleichsam indirekt zu erkennen: Gewalt ist, ein Du in ein Es, ein Subjekt in ein Objekt zu wandeln. Damit wird der Gewalt-Tätige zum Gewalt-Täter. Diese Definition ermöglicht es uns, die Gewalt nicht nur in den großen Gewalt-Taten zu erkennen, sondern auch im alltäglichen Leben und allem Lebendigen gegenüber.
Sich mit traumatisierte Menschen einzulassen, macht es unumgänglich, sich auch mit dem Wesen von Gewalt zu befassen und diese in sich und im eigenen Umfeld zu erkennen. Diese Sensibilität gegenüber der Gewalt im Alltag, ist die Grundlage der Trauma-Fachlichkeit, die weniger an formale, sondern mehr an personale Qualitäten gebunden ist.

Das Wesen von Feindschaft und Willkür

Werfen wir noch einen Blick auf die anderen Begriffe: Feindschaft und Willkür.
Beide sind besonders vernichtende Formen der Gewalt. Gewalt kann sich dadurch äußern, den anderen für seine eigenen Zwecke zu benutzen, sich gleichsam etwas von seinem Leben anzueignen. Feindschaft will nicht etwas vom Leben des anderen, sondern will den anderen vernichten, sie will ihn auslöschen, will ihn töten; wie wir es heute bei fundamentalistischen Extremisten und Terroristen erleben.
Damit eng verbunden ist die Willkür, die sich selbst über alle Regeln und Gesetze stellt. Ein Objekt hat nach dem Willen des Subjekts zu funktionieren, doch die Willkür löst sich sogar daraus. Sie entmenschlicht den anderen und nimmt ihn sogar noch seine Objekt- oder Es-Identität.
Feindschaft und Willkür sind die extremsten Formen der Gewalt. Ihre dämonische Wirkung besteht darin, dass man sich selbst mit Macht nicht dagegen wehren kann, sondern sie Gegen-Gewalt erzwingen. Feindschaft und Willkür, verbunden mit Hass, bedrohen und zerstören die Menschlichkeit, wie wir es heute an vielen Konflikten erleben, wodurch viele Menschen traumatisiert werden.

Grundsätzliches zur Trauma-Heilung

Diese grundlegenden Ausführungen zeigen, wie breit und fundamental Traumen Teil unseres Lebens sind. Sie gehören zum Menschsein, wie die Liebe. Dies gibt der Arbeit mit Traumen ihre existenzielle Tiefe. Nur von einem solchen Bewusstsein aus kann eine wirklich heilende Kraft ausgehen, die jedoch  immer wieder neu erarbeitet werden muss. Sie ist nicht als Fachlichkeit zu formalisieren, denn als zertifizierte Kompetenz zu besitzen. Es ist immer ein „mit dem anderen auf dem Weg sein“. Wer sich auf diesen Weg macht, wird immer wieder an seine eigenen Grenzen stoßen, doch ist es auch ein Weg, der an die Fundamente des Menschlichen heranreicht und dort einen existenziellen Gewinn ermöglichen kann, für den, der sich wirklich einlässt.
Daraus ergibt sich auch das Grundgesetz der Trauma-Heilung.
Wie dargestellt, ist ein Trauma etwas gänzlich anderes, als eine Erkrankung, eine Störung, eine Behinderung. Ein Trauma trifft das – philosophisch gesprochen – „Sein“ eines Menschen: seine Existenz.
Dies führt zum Ausgang zurück: die Hilfe von gleicher Qualität sein muss, wie das zu Heilende. Daher kann einem in seiner Existenz getroffenen Menschen nur eine existenzielle Beziehung wirklich hilfreich sein. Dies bedeutet, dass sie den Einsatz des ganzen Menschseins bedarf, mit allen Höhen und Tiefen, mit aller Freude und aller Verzweiflung, mit aller Kraft und auch aller Schwäche.
Wie kann dies im Detail aussehen?

„Gewalt“ in „Macht“ wandeln

Verwenden wir die Begriffe Macht und Gewalt im oben definierten Sinn, dann geht es für traumatisierte Kinder darum: die Grunderfahrung von Ausgeliefertheit und Willkür in Verlässlichkeit und Vertrauen zu wandeln.
Die entscheidende Bedeutung hat dabei das Erleben von Grenzen. Vertrauen kann nur in einem verlässlichen, sicheren und berechenbaren Umfeld wachsen. Es geht also nicht darum, traumatisierte Menschen in einem künstlichen Schonklima zu verwöhnen, und die heilende Kraft in angenehmen Gefühlen zu sehen. Im „Angenehmen“ verliert sich der Mensch, denn er kann sich nicht spüren. Dies heißt: Grenzen müssen unmittelbar erlebbar werden, was nur möglich ist, wenn der Betroffene aus seiner passiven Opfer- und Dulderhaltung heraus, in eine aktive Lebensbeteiligung tritt.
Dies bringt den traumatisierten Menschen in einen großen Konflikt, denn Tätigwerden kann man nur, wenn man „tätig“ (tätlich) wird. Man muss etwas anpacken, muss eigene Lebensansprüche anmelden, muss mit den eigenen Grenzen, der anderen und den Grenzen in den „Dingen“ in Berührung kommen. Dies erfordert, sich einzulassen und Macht auszuüben.
Damit können wir das Grundprinzip der Arbeit mit traumatisierte Menschen präziser fassen: es geht pauschal darum, „Gewalt“ in „Macht“ zu wandeln. Nur dadurch ist es möglich, den Teufelskreis zu durchbrechen, in dem viele traumatisierte Menschen gefangen sind: sich als Opfer nicht mehr einzulassen, oder die eigenen Täterintrojekte gewaltsam auszuleben. So paradox er klingt, der einzige Königsweg besteht darin, wieder in das „Macht-Spiel“ einzusteigen, welches die Grundlage von Leben ist.

Wieder ins Leben treten

Viele Traumatherapien zentrieren sich heute auf affirmative Techniken, mit dem Ziel, den Patienten durch angenehme Lebenserfahrungen zu „nähren“, ihn gleichsam wieder zu kräftigen. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass dadurch die traumatischen Verletzungen ausheilen.
Auf der anderen Seite stehen Techniken, das abgespaltene Trauma-Geschehen in das psychische Erleben zu integrieren. Beide Wege können hilfreich sein, doch zeigen unsere Erfahrungen, dass eine wirkliche „Heilung“ (Ersteres ist Linderung) nur möglich ist, wenn der traumatisierte Menschen selbst wieder aktiv ins Leben tritt, und dies nicht in  seiner Opfer- oder Täter-Identität.

Mut zur Veränderung

Dies zu tun, erfordert großen Mut, denn dazu müssen die perfektionierten Abwehrmechanismen aufgeweicht werden, die bisher einigermaßen Schutz geboten haben. Es ist mit dem Einsiedlerkrebs vergleichbar. Wenn er seinen zu klein gewordene Schutz- und Lebens-Raum verlässt, wird er nackt und verletzlich. Wer diesen Mut nicht fasst, der wird in seinem beengten Lebensraum verkümmern, denn er kann nicht wachsen. Damit sind auch schon Bedingungen für die Heilung genannt.

Die Verlockung, stehen zu bleiben

Es werden aber auch die verführerischen Verlockungen erkennbar, die den Menschen in seiner unmündigen Scheinsicherheit bestärken, ihm letztlich aber sein Leben kosten. Traumatisierte Menschen mit Mitgefühl und scheinbarem Wohlwollen zu begegnen, ist die größte Versuchung, für die Menschen, die ihre eigenen Lebenstraumen nicht geklärt haben und weiterhin in der Täter-Opfer-Falle gefangen sind.
Unsere Erfahrungen haben deutlich gezeigt, wie eine solche Haltung schnell in das Gegenteil umschlägt, wenn sich die Täteranteile im Kind zeigen. Dann kippt das Mitgefühl sehr schnell in brutale Gewalt: „das schreckliche Kind muss entlassen werden“. Dahinter geschieht jedoch etwas ganz anderes: die Täteranteile des Kindes triggern die eigenen unbewussten Täterintrojekte, die ins Bewusstsein drängen und massive Angst auslösen. Sie müssen nun stellvertretend am Kind abgewehrt werden. Mit der „Ausgrenzung“ der kindlichen Täteranteile streben solche Menschen eigentlich eine Befreiung von den eigenen traumatisierten Anteilen an, die nun im Außen bekämpft werden (das Kind wird zum Feind). Für den traumatisierten Menschen reinszeniert sich damit die immer wieder gemachte Lebenserfahrung: vordergründiges Wohlwollen führt letztlich doch wieder dazu, ausgegrenzt zu werden, mit der Folge, sich nun nicht mehr einzulassen (>Autonomie, Bindungsstörung). In den Lebensschicksalen der Kinder wird dies oft an einer langen Karriere von Maßnahme-Abbrüchen erkennbar (niemand hat sie länger ausgehalten, gehalten, ihnen Halt gegeben).

Weiche Gewalt - Manipulation

Auffällig werden häufig die lauten, die aggressiven Strategien. Wir müssen jedoch auch die enorme Macht hinter den leisen, passiven Strategien erkennen. Sie dienen letztlich auch dazu – wie die aktiven – das Gegenüber in seinem Sinne zu manipulieren, um dadurch Sicherheit zu erlangen.
Trauma-Heilung besteht darin, diese manipulativen Strategien langsam aufzuweichen, bewusst zu machen und abzubauen (die entwickelt und perfektioniert wurden, um ein Überleben zu ermöglichen) und sich mit dem Leben wirklich einzulassen. Manipulation lässt sich nur scheinbar mit dem Leben ein. Der manipulative Mensch bleibt am Rande stehen, um von dort aus – scheinbar unbeteiligt – alles zu beeinflussen, ohne selbst davon betroffen zu sein. Manipulation ist eine besondere Form der Beziehungsverweigerung, der Bindungsstörung.
Manipulation ist eine indirekte, kalte Form der Gewalt, die oft sehr viel schwerer zu erkennen und zu verändern ist, als die direkte, heiße Form von Gewalt. Sie geschieht verdeckt und effektiv, denn die Gewalt darin ist nicht direkt erkennbar, oder verkleidet sich schillernd, verlockend, wie wir es bei intelligenten und fähigen Borderline-Persönlichkeit erlebbar ist. Dadurch kann sich das Gegenüber schwer wehren, was oft nur mehr die einzige Möglichkeit offen lässt, die Beziehung abzubrechen, was die innere Verzweiflung im Betroffenen noch verstärkt. Auch diese Dynamik erleben wir als Karriere von Maßnahme-Abbrüchen bei unseren Kindern. Die mit der Manipulation verbundene soziale „Gewalt“ machte ein Zusammenleben mit anderen Kindern oft nicht mehr möglich.

Erste Zusammenfassung

Es gilt den Teufelskreis zwischen passivem Rückzug (Lethargie, Depression, Selbstmitleid, Jammerhaltung, Egal-Mentalität, Regression, Manipulation) und aktiver Täterhaftigkeit (aktiver und passiver Gewalt in Form von Beziehungsspielen, Borderline-Verwicklungen, Intrigen, Aggression, Tätlichkeiten) zu durchbrechen.
Generell gilt: Bleibt ein Mensch in seinen Abwehr- oder Überlebens-Mechanismen gefangen, verkümmert seine weitere Lebensentwicklung, was als schwere Persönlichkeitsstörung oder Neurose bezeichnet wird. Das frühe Berentungsalter von traumatisierte Menschen zeigt dies überdeutlich.
Die aufgezeigten Abwehr- und Überlebens-Strategien machen auch deutlich, dass eine Veränderung umso schwerer ist, je verfestigter sie sind und je mehr sie zur Persönlichkeit des Betroffenen wurden. Ein Ziel muss daher sein, die Zusammenhänge frühzeitig zu erkennen und entgegen zu wirken, bevor die negativen Karriereeffekte wirken.

Angst – Furcht – Schrecken – Panik

Wir haben bisher mehr die besondere Art der Beziehung von und mit traumatisierte Menschen betrachtet, doch wie sieht ihr eignes Erleben aus?
Wenn wir das Erleben von traumatisierte Menschen nachempfinden möchten, so erscheint dies vor dem Erlebten als Anmaßung. Wie kann ein Außenstehender nachempfinden, wenn ein Mensch an seiner existenziellen Grenze steht und ihm keine Hoffnung mehr verbleibt. Dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit ist ein wesentliches Kennzeichen, wodurch sich eine „schlimme Situation“ von einem „traumatischen Erlebnis“ unterscheidet. Damit wird auch deutlich: von der Art des Erlebten kann nicht schon auf ein Trauma geschlossen werden, erst durch die individuelle Art des Erlebens wird es zu einem Trauma. Sehen wir dies näher an:

Affekte

Die Angst vor der Prüfung, oder die Furcht im Dunklen über den Hof zu gehen, sind normale Affekte des alltäglichen Lebens. Zu einer Schreckensreaktion können sich Affekte verstärken, wenn damit massive Wirkungen verbunden sind (Unfälle), die unser, oder das Leben andere Menschen bedrohen. Durch die Wahrnehmung dieser Affekte bei anderen, können sich diese zur Panik aufschaukeln.
So sind auch die Affekte (und die Affektprägungen) eines Kindes, wesentlich von der Wahrnehmung der Affekte bei nahen Bezugspersonen abhängig. Wenn die Mutter auf bestimmte Situation panisch reagiert und hilflos reagiert, wird dies auch das Kind lernen und die Situation als übermäßig bedrohlich bewerten. Wenn die Mutter jedoch sicher und gelassen bleibt, wird auch das Kind gelassen reagieren und die Situation entsprechend einordnen.

Autonome Reaktionen

Eine wichtige Rückkoppelung für die Affekte sind die Empfindungen unseres Körpers, die mit einer Aktivierung des Sympathikus und der Ausschüttung von Stresshormonen  (Adrenalin) verbunden sind. Wir erleben etwas mit Angst oder mit Schrecken, weil wir die Reaktionen unseres Körpers wahrnehmen (Angstschweiß, Herzrasen, verstärkte Atmung, Anspannung  etc.). Das Kind erspürte diese autonomen Reaktionen jedoch auch im Gegenüber (Hunde können die Angst riechen) – sie übertragen sich unbewusst, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Alleine die Veränderung der Weise, wie die Mutter die Hand des Kindes hält, überträgt augenblicklich ihren innen Angstpegel auf das Kind.

Kognition

Je älter ein Kind wird, desto mehr werden die „autonomen“, reflexhaften Reaktionen durch kognitive Bewertungen ergänzt. Je nachdem, wie bedrohlich wir die Situation einschätzen, verstärkt diese die Affekte, oder schwächt sie ab. So kann ein Notarzt, der zu einem Unfall gerufen wird, seine autonomen Affekte kognitiv kontrollieren, weil er sein fachliches Bewertungssystem einschaltet. Würden seine Affekte (und sein Mitgefühl) die Herrschaft übernehmen, wäre er handlungsunfähig und er würde vor Zittern mit der Nadel das Gefäß des Patienten nicht treffen. In gleicher Weise kann eine Bezugsperson dem Kind mitteilen, in welchen Kontext für sie die Situation steht, und über welche Kompetenz sie verfügt, die Situation zu meistern.

Lernen am Modell

So lernt ein Kind früh in seinem Leben, wie seine Bezugspersonen auf bestimmte Situation reagieren, und wie diese einzuschätzen sind. Die Bezugspersonen sind die Lern- und Rollen-Modelle. Diese Lernprozesse prägen grundlegend die Wahrnehmung und das Verhalten bei Gefahr. Sie ergänzen die autonomen Reaktionen durch individuelle Lernprozesse, die dem Menschen eine Anpassung an seine jeweiligen Lebensbedingungen ermöglichen.

Panik

Durch Bezugsperson, die in bestimmten Situation nicht nur ängstlich sind, sondern panisch reagieren, wird das Kind indirekt traumatisiert, da geringste Auslösen dazu führen, dass die Notfall-Programme angeschaltet werden (der Körper lernt und merkt es sich). Das Kind lernt gleichsam indirekt die Trauma-Reaktion der Bezugsperson, ohne selbst unmittelbar traumatisiert zu werden. Die Traumatisierung besteht darin, dass in dieser Situation, in denen die Bezugsperson von ihren eigenen Ängsten überschwemmt wird (und gänzlich auf sich selbst bezogen ist), das Kind seiner eigenen Panik hilflos ausgeliefert wird.

Resilienz

Umgekehrt kann ein Kind an seinem Modellen lernen, wie Gefahren gemeinster werden können. Am Modell kann es lernen, und einüben, die Notfall-Programme gezielt und dosiert einzusetzen.
Resilienz ist die Fähigkeit, in Grenz- und Extremsituationen Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, denn nur dadurch können Lösungen entwickelt und gezielt einsetzen zu können. Panik bewirkt das Gegenteil und erzeugt das Gefühl der hilflosen Ausgeliefertheit.  

Heilende Bezugspersonen

Die aufgezeigten Zusammenhänge machen die Rolle heilender Bezugsperson deutlich. Ihre eigene „Gelassenheit“ ist die unbewusst-prägende Botschaft (körperlich, affektiv, kognitiv, sozial), mit der sie Fehlprägungen auflösen und Resilienz prägen können. Diese Lernprozesse können jedoch nur in Situation erfolgen, in denen reale Gefahr droht. Heilend wirkt daher die Person, die bei Bedrohungen – wie man heute sagt – innerlich „cool“ bleibt. Dies ist schwer, weil traumatisierte Kinder aufgrund ihrer eigenen Prägungen und Vorerfahrungen sich in solchen Situationen meist selbst verlieren und in Panik geraten. Dadurch entsteht ein negativer Zirkel, in dem sich die Panik wechselseitig aufschaukeln kann.

Panik-Reaktion – wenn die Beziehung entgleist

Diese gewaltsamen Panik-Reaktionen werden meist durch unbewusste Ängste ausgelöst. Das Kind fällt in die vormals erlebte Hilflosigkeit und Verlassenheit zurück. Dieser existenzbedrohenden Ausgeliefertheit zu entkommen, ist nur durch eine Flucht aus den eigenen Gefühlen möglich (Panik-Reaktion), in die Gewalt, in den Schmerz, ins Schreien, ins Davonlaufen, ins Um-sich-Schlagen, um sich dadurch wieder etwas spüren (Selbstverletzendes Verhalten) und in Kontakt mit sich selbst zu kommen.
Unsere Erfahrungen zeigen, dass viele Abbrüche durch solche negative Dynamiken bedingt sind. Sie sind schwer zu „meistern“ und fordern eine „meisterliche“ Kompetenz vom Mitarbeiter. Im pädagogischen Alltag hat man nicht die Möglichkeiten, wie im psychiatrischen Kontext, die Situation zu beherrschen(Time-Out-raum, Fixierung, Medikament), um den Betroffenen und andere zu schützen. Es besteht daher die große Gefahr, dass durch die „Gegengewalt“ die Grundprägungen des Betroffenen verfestigt und nicht gelockert werden.
Panik, und damit verbunden das innere „Weggehen“, wird auch durch die Überforderung der Bezugspersonen verstärkt (sich vor den eigenen Ängsten zu schützen), wenn die üblichen Reaktionsmuster (Schimpfen, Strafen) nicht greifen und der professionelle „Helfer“ selbst hilflos wird.

Wie kann man wieder ins Gleis kommen?

Panikreaktionen, in denen sich der Betroffene verliert, sind Ausnahmesituationen, die nur durch „sich-heraus-nehmendes Verhalten“ aufgelöst werden können. Man muss aus dem bestehenden Kontext aussteigen – nicht weggehen –, um dem Kind wieder Sicherheit geben zu können. Es ist dem archimedischen Fixpunkt „außerhalb“ vergleichbar, wenn im System kein Halt mehr möglich ist.
Für das Kind heilend kann nur ein Verhalten sein, das dem Kind erlebbar macht, dass es auch in dieser Extremsituation gehalten ist und sich die Bezugsperson nicht ihrer eigenen Panik verliert, oder es aufgegeben wird (wie es früher der Fall war). Diese Meta-Stabilität ist eine konzeptionell wünschenswerte, personale Kompetenz für die Trauma-Heilung (um die alten Muster zu durchbrechen), sie ist jedoch nicht beliebig „zukaufbar“, schulbar, trainierbar, wie schon an anderer Stelle dargestellt.
Es sei jedoch auch darauf hingewiesen, dass eine Situation, in der das Kind von eigenen frühen Ängsten überschwemmt wird, klar von Verhaltensweisen unterschieden werden muss, wo „un-erzogen“ Grenzen überschritten werden, oder „un-verschämte“ Täteranteile sich melden.

Traumareaktionen

Von dieser indirekten müssen wir die direkte Traumatisierung abgrenzen. Jeder Form von Gewalt löst beim gegenüber Angst aus. Es ist die durch die Angst erzeugte Lähmung, die das Opfer hilflos macht und die Macht des Täters verstärkt. Es gibt jedoch auch einen entwicklungsgeschichtlich frühen Mechanismus, diese Angst abzuspalten (Dissoziation). Dies ist ein elementarer Schutzmechanismus, um die Angst-Prägungen in Extremsituationen abzuschwächen und in der Situation handlungsfähig zu bleiben (mit den dargestellten Spätfolgen).
Traumareaktionen können daher in zwei Grundtypen eingeteilt werden: dissoziative und nichtdissoziative. Der Unterschied besteht darin, dass in der ersten, die Angst abgespalten, in der zweiten, das Opfer von der Angst überschwemmt wird. In der Dissoziation erlebt sich das Opfer eigenartig „gefühllos“, wie ein neutraler Beobachter, der unbeteiligt über allem schwebt (ähnlich Nahtoderfahrungen). In der zweiten Reaktionsweise ist das Opfer von der eigenen Angst gelähmt, es erstarrt (Der Stressregler steht auf Anschlag, der Organismus ist mit Stresshormonen überschwemmt).
Dementsprechend sind auch die Verhaltensweisen des Opfers unterschiedlich. Dissoziationen sind für den Betroffenen sehr unangenehm, denn es befindet sich in einer gefühl- und leblosen Zwischenwelt. Dieser Zustand kann meist nur durch starke Sinnenreize durchrochen werden (sich selbst Schmerz zufügen, selbstverletzendes Verhalten, hochriskantes Verhalten).
Wer in der Angst erstarrt, wie gelähmt ist, neigt dazu, sich zu verkriechen, um die Hormonspiegel abklingen zu lassen und dadurch die Lähmung wieder zu lösen, oder die Lähmung durch die beschriebenen Panik-Reaktionen zu durchbrechen und Feuer durch eine Gegenfeuer, Gewalt durch Gegengewalt auszulöschen. Wer im Gegenüber Angst erzeugen kann, der fühlt sich nicht mehr so ausgeliefert.

Grenze

Wenn man das Lebensgefühl traumatisierter Menschen mit einem Wort fassen will, dann ist es ein Leben an der Grenze, es ist ein grenzwertiges Leben. Im Umfeld von Traumen spielen „Grenzen“, daher eine besondere Rolle, sei es als Grenzerfahrung (Border-Line), oder als wichtiges Prinzip zum Verstehen eines Traumas und den Bedingungen der Trauma-Heilung.
Was ist das Wesen von Grenze?
Leben ist unabdingbar durch Grenzen definiert – Leben entsteht durch Grenzen. Membranen umschließen eine Zelle und grenzen das Außen vom Innen ab. Viele Krankheiten sind Störungen der Grenzen, und Sterben ist der Prozess, wenn sich die die Grenzen auflösen. Doch nicht nur das biologische, sondern auch das psychische und das soziale Leben ist durch Grenzen bestimmt: durch die Grenze der Individualität, des eigenen Bewusstseins, des Wissens, des Lebensraumes, der Kultur, der Religion, der Rasse, des Alters, der Bildung. Wohnung ist durch die Grenze der Räume definiert, in die unerlaubt einzudringen, ein Vergehen ist. Was ist eine kriegerische Aggression anderes, als in das Land, in die Heimat, in die Werte, Religion und die Kultur andere Menschen gewaltsam einzudringen, und sich ihren Lebensraum anzueignen. Heute erleben wir dieses Durchbrechen von Grenzen durch das Eindringen in die eigene Intimsphäre mittels moderner Kommunikationsmedien.

Grenzverletzung

Damit wird auch das Besondere eines Traumes deutlich: es ist eine Grenzverletzung. Eine Trauma ist das Eindringen von Feindlichem in den eigenen Binnenraum: des Körpers, der Familie, des Raums der religiösen und ideellen Selbstbestimmung, der Werte, der Verlässlichkeit, der Heimat. Wie das Wort Selbstbestimmung ausdrückt, schwächt und zerstört dieses gewaltsame Eindringen in den Intimraum das (individuelle, kollektive) Selbst. Die Integrität des Selbst ist die Grundbedingung von Leben und Entwicklung. Heute erkennen wir die Mechanismen der Zerstörung des Selbst deutlich. Dies sei an ein paar Beispielen dargestellt:
Bakterien haben Fähigkeiten entwickelt, die Schutz- und Abwehrmechanismen (Grenzen) zu überwinden und in das Körperinnere einzudringen. Viren sind spezialisiert, in das Innerste – das Erbgut – einzudringen und von Innen die Herrschaft zu übernehmen. Bei psychotischen Erkrankungen dringen fremde Gedanken in die eigene Wirklichkeit ein und erscheinen dort wie eigene. Drogen schädigen die körperliche, seelische und soziale Integrität massiv. Es sind Stoffe, die an den zentralsten und intimsten Stellen (dem Gehirn) wirken und das Selbst des Menschen immer mehr aushöhlen. Sichtbar wird es dadurch, dass ein Mensch im eigenen Körper, in der Familie in der Gemeinschaft zunehmend fremd wird – sein Selbst löst sich auf. 

Intrusion

Mit diesen Vorstellungen können wir auch das Wesen von Intrusionen (Prägungen im Trauma) besser verstehen. Wie das Wort Intrusion sagt, durchdringt der Täter gewaltsam die Abwehr, und damit die Grenze, und injiziert seine eigene „böse“ Welt in das Opfer. Vergleichbar mit Wahngedanken, oder einem Virus, befinden sich nun die Täteranteile in der Seele des Opfers und entfalten ihre zerstörerische Wirkung von Innen.

Beziehung und Kontakt

Das Konzept „Grenze“ kann auch die Spaltung traumatisierter Menschen veranschaulichen, wie sie in der Borderline-Persönlichkeit deutlich wird.
Beziehung ist nur möglich, wenn man seine Grenze öffnet und in Berührung mit der Grenze eines anderen Menschen kommt. Es ist „Kontakt“ erforderlich, damit Begegnung und Austausch geschehen kann. Dieses Bild macht anschaulich, dass derjenige, der sich verschließt, abkapselt und zurückzieht, nicht in Kontakt kommen kann. Es zeigt aber auch, dass derjenige, der unsensibel die Grenze des anderen nicht achtet, dessen Rückzug auslöst. Begegnung ist ein sensibles „Sich-aufeinander-zu-Bewegen“, ist: einen ersten Kontakt aufnehmen und diesen sensibel mit den Kontaktbedürfnissen des anderen abzustimmen. Beziehung ist Austausch an der Grenze.
Damit wird die Beziehungs-Unsicherheit, -Scheu, -Vermeidung, -Abwehr von traumatisierten Menschen nachvollziehbar. Sie haben, wie eine bedrohte Burg, sich auf die Abwehr von Feinden eingestellt, die  Schutzmauern verstärkt und die Zugbrücken hochgezogen. Auf der anderen Seite finden wir traumatisierte Menschen, die jegliche Abwehr aufgegeben haben und entgrenzt ihren Hort der Sicherheit verlassen haben und „umherstreunend“ leben. In einem anderen Bild gleicht der eine Zustand dem erstarrten Eis, der andere dem entgrenzten Wasserdampf; der Zustand dazwischen, das Wasser, fehlt.  

Bindung

Diese Bilder machen die Störung  der Beziehung und Bindung von traumatisierte Menschen nachfühlbar. Bindung erfordert unabdingbar einen Kontakt, damit einen Austausch an den Kontaktstellen gelingen kann; erfordert, sich einzulassen und in Kontakt zu treten. Leben, d.h. Synergie, entsteht durch die Vernetzung mit anderen. Übertragen wir dies auf das menschliche Leben, so ereignet sich bereicherndes Leben im engen Kontakt mit anderen, auch gegensätzlichen Menschen. Dies erfordert Vertrauen, sich auf Unbekanntes und Fremdes einzulassen.
Traumatisierte Menschen neigen dazu, sich aufgrund ihrer Vertrauensstörung, nur mit Bekanntem einzulassen (Jammer-Beziehung mit Schicksalsgefährten), und alles Neue ängstlich abzuwehren, wodurch keine Lebendigkeit möglich ist. Diese Scheu vor Neuem, vor dem Sich-Einlassen, vor der neugierigen Hingabe an das Andere, vor dem Abenteuer, vor dem Überraschendem, ist kennzeichnend für eine Lebenshaltung der Abwehr und der Angst vor Übergriffen. Für den Neues und Unbekanntes bedrohlich sind, der wird nur das Sichere suchen und zulassen.

Geschlossenheit

Diese Geschlossenheit, und die damit verbundene Unfähigkeit zur Offenheit, kennzeichnet die Tragik der Traumafolgen. Es ist eine Minderung, bis hin zur Zerstörung der Lebendigkeit, die nur in der offenen, sich trauenden Hingabe an das Neue möglich ist.
Für den alles Neue und alles Fremde eine Bedrohung ist, der wird das Neue abwehren und ausgrenzen und als feindselige Bedrohung erleben und bekämpfen. Diese Geschlossenheit und die feindselige Abwehr gegenüber allem, was nicht in eigenen Sinne berechenbar und sicher ist, gibt der Beziehung zu traumatisierten Menschen ihre Schwere. Man darf nur so sein, wie sie es „aushalten“ können, was dazu führt, dass nur ein kleiner Teil der Lebensfülle zugelassen wird. Beziehung ist nur zu den „verwandten“ Anteilen möglich – alle anderen Teile werden abgewehrt. Dies erklärt den Teufelskreis der Bindungs- und Beziehungsstörung. Die Menschen ziehen sich zurück, da keine bereichernde Lebendigkeit, keine Synergie geschieht.
Ein weiterer Grund der Bindungsstörung liegt darin, dass eine synergetische Verbindung, die erst eine neue Qualität ermöglicht, die Freiheit der gebundenen Partner einschränkt. Dies ist das Wesen von „Sich-Einlassen“. Dies ist der Preis für das neue Leben, es kostet Freiheit, gebiert jedoch Neues. Diese ist das Grundgesetz der „Fruchtbarkeit“ und macht die Tragik der Unfruchtbarkeit als die tiefgreifendste Folge von Traumen anschaulich.
Diese Bilder verdeutlichen nochmals die Besonderheit eines Traumas: es kostet das Leben, das mit der vertrauensvollen Offenheit, der Fähigkeit zur Hingabe, der Neugierde unabdingbar verbunden ist. Traumen nehmen die Farbe und die Freude aus dem Leben.

Kontrolle

Damit können wir auch ein weiteres Symptom traumatisierter Menschen verstehen: ihr enormes Kontrollbedürfnis. Nehmen wir die von Feinden bedrohte Burg zum Vergleich, dann werden auch diese Bewohner argwöhnisch jeden Fremden kontrollieren, bevor sie ihn in ihren Innenraum lassen. In gleicher Weise muss auch der traumatisierte Mensch alles in seiner Kontrolle haben, denn es könnten ja Feinde sein. Es darf nur das zugelassen werden, was sicher, was verlässlich, was bekannt, was beherrschbar ist, d.h.: worüber man die absolute Gewalt hat. Alles Unsichere, Offene, Unbekannte, Fremde, ist lebens-bedrohlich.
Dies macht auch die Gefahr der Leblosigkeit verständlich. Wenn nur das herein-gelassen wird, was berechenbar ist, dann sind auch nur berechenbare Beziehungen möglich. Dies ist es das Wesen der Berechenbarkeit: alle Wirkungen sind geschlossen, d.h. vorhersehbar. Das Wesen von Lebendigkeit ist jedoch gerade die Unberechenbarkeit, die Offenheit. Totale Kontrolle ist daher der „Feind“ der Lebendigkeit und des Lebens.
Das Leben traumatisierter Menschen wird durch diese Kontrolle oft gänzlich eingeschnürt, indem paranoide Kontroll-Systeme aufgebaut werden (NSA), die alle Lebensbereiche umfassen und worin jede „Beziehung“ dem Diktat der Berechenbarkeit unterworfen wird. Es darf nur das sein, was im eigenen Sinne berechenbar, d.h. sicher ist. Im Extremen kann die kleinste Unsicherheit panische Angst und die damit verbundenen Abwehrmechanismen auslösen.
Als Bezugsperson erlebt man dies als abrupten Wechsel der Beziehung (Borderline-Dynamik): die Türen werden verschlossen, die Zugbrücken hochgekurbelt und man erlebt einen Wandel von einen wohlgesonnen Freund in einen potenziell bedrohlichen Feind, vor dem man sich schützen und der abgewehrt werden muss. Dies macht verstehbar, warum in einer solchen Dynamik sich die Menschen eigenartig berührt zurückziehen, was dann dazu führen kann, dass sie im Weggehen für den Betroffenen ihre Bedrohlichkeit verlieren, und damit einen augenblicklichen Wechsel der Zuwendung auslösen, oft mit Vorwürfen, warum sie denn so eigenartig re-agieren, was die Verwirrung noch verstärkt (Borderline-Dynamik). 

Heilung und Grenze

Grenzen spielen im Trauma-Geschehen eine große Rolle; sie stehen daher auch im Mittepunkt der Ausheilung einer Traumatisierung. Was sind Grenzen?
Wie wir in die Biologie lernen, ist die Haut keine statische Hülle, sondern ein aktives Organ. Die Membran einer Zelle hat vielfältige Öffnungen (Kanäle) die den Stoffaustausch regeln, sie verfügt aber auch über viele Verbindungsstellen mit anderen Zellen. Rezeptoren sind eine Art „Sinnenorgan“, um zu spüren, was draußen los ist, und sie können handeln, indem sie diese Kanäle öffnen und schließen, je nachdem was sie gerade benötigen. Zellen haben Abwehrkräfte, die auf feindliche Angriffe reagieren, und vieles mehr. Dies macht deutlich, wie sehr Leben (Austausch und Kommunikation) von der Grenze bestimmt wird und Störung der Grenze das Leben massiv beeinträchtigen.
Auch die Seele eines Menschen ist durch eine Grenze bestimmt. Unsere Wirklichkeit, die unser Bewusstsein bestimmt, ist die Summe unserer Konstrukte, Lernerfahrungen und Prägungen. Diese inneren Konzepte ermöglichen uns, die Welt zu deuten und sinnvoll darin zu agieren. Die Kommunikation geschieht an der Grenze mittels unserer Sinnesorgane, die uns ein Bild von der Welt draußen vermitteln; und unserer Motorik, mit der wir auf die Welt einwirken können. Störungen in diesem System haben fundamentale Auswirkungen im Bewusstsein, im Denken, der Wahrnehmung, des Selbstkonzeptes.
Die Diagnosen Beziehungs- oder Bindungsstörung beschreiben diese elementaren Störungen der Kommunikation an der Grenze zwischen innen und außen. Daher lautet das übergreifende Ziel einer Heilung: wieder in einen lebendigen Austausch mit der Welt zu kommen.
Grundsätzlich können wir zwei Typen von Störungen unterscheiden: die Erstarrung und die Auflösung von Grenze.

Erstarrung

Erstarrung, Rückzug, Sich-Abkapseln und die Kommunikation weitgehend einzustellen, sind  Schutzreflexe. Nur sichere Beziehungen, die kontrolliert werden können, werden zugelassen. Tritt man mit diesen Menschen in Kontakt, dann können sie sich nicht wirklich einlassen, sondern alles muss nach ihren Vorstellungen richten – Kontrolle steht im Mittelpunkt. Die Kommunikation ist kein lebendiges hin und her, in dem sich etwas Gemeinsames ausformt, sondern es kann nur das zugelassen werden, was in ihre Welt passt. Alles muss sich um sie drehen. Ihre Welt ist absolut. Durch diese Absolutheit wirken diese Menschen mächtig, denn sie passen sich nicht an, sondern erzwingen die Anpassung der anderen.

Narzissmus

In einem anderen Denkmodell erscheint dieses Lebenskonzept als narzisstische Persönlichkeitsstörung, denn auch beim Narzissten dreht sich alles um ihn selbst. Er ist nicht imstande, sich auf die Wirklichkeit der anderen einzulassen. Bei traumatisierten Menschen ist dies oft mit der Unfähigkeit verbunden, sich in den anderen Menschen hineinzuversetzen, gleichsam den eigenen Standort zu verlagern und die Welt mit den Augen des anderen anzusehen (theory of mind).

Autismus

Dieses Symptom zeigt eine gewisse Verwandtschaft mit der autistischen Persönlichkeit, die auch in seiner Binnenwelt abgekapselt erscheint, was auch erklärt, warum traumatisierten Menschen oft in dem Formenkreis autistischer Störungen gerückt werden.  Diese Schwäche zeigt sich im Alltag als Mangel an Mitgefühl, was oft dazu führt, den Betroffenen Egoismus zuzuschreiben.

Sensibilitätsstörung

Bei Kindern wird dies oft als mangelnde Fähigkeit erlebbar, die Wirkung des eigenen Tuns auf die anderen einzuschätzen. Diese mangelnde Sensibilität an der Grenze äußert sich z.B. in der Lautstärke, mit der die Stimme eingesetzt wird. Sprache ist weniger ein Mittel der Kommunikation (Kreisprozess, der aus Hören und Sprechen besteht), sondern es ist ein einseitiges Sprechen, Schreien, Quietschen, das mehr den Zweck hat, das Umfeld zu beeinflussen, und sich selbst zu spüren, als sich auszutauschen. Wirkliches Zuhören ist kaum ausgeprägt, oder muss durch besondere Maßnahmen erzwungen werden.
Auch Sachen gegenüber wird diese Sensibilitätsstörung erlebbar. Analog zur Sprache ist die „Kommunikation“ mit den Dingen einseitig, ungeregelt und dem Wesen der Dinge nicht entsprechend. Auch hier besteht kein inneres Konzept des Objektes, und damit eine Schwäche, sich in das Objekt einzufühlen und zu erspüren, was das Spielzeug, der Bleistift, das Werkzeug, das Besteck, das Teller, der Tisch … gerade „will“. Erlebbar wird es, als ein „gegen das innere Gesetz eines Objektes handeln“, statt mit ihm sensibel in „Beziehung“ zu treten. Es wird – wie beim Narzissten – einseitig der eigene Wille aufgezwungen, was dem Geschehen seinen gewaltsamen Charakter verleiht.
Damit wird auch das Belastende im Umgang mit traumatisierten Menschen erkennbar: sie ist anstrengend, verletzend, unsensible, laut; sie nehmen wenig Rücksicht auf die Gefühle und Bedürfnisse des anderen. Die Fähigkeit, zu erkennen, was in der jeweiligen Situation gerade ansteht, d.h. „die Situation zu lesen“, ist kaum vorhanden (Alexithymie). Damit besteht nur eine sehr eingeschränkte Beziehungsfähigkeit. Aus der Sicht der Kommunikation geschieht die Beziehung nicht „geregelt“ (sensibel) sondern „gesteuert“. Dies macht die alltägliche Arbeit enorm anstrengend. Es  zeigt aber auch, wie sehr sich der Kontrollzwang des traumatisierten Menschen „in jeder Beziehung“ wieder inszeniert.

Wie kann eine Heilung aussehen?

Wie die Ableitungen zeigen, werden durch Traumen die natürlichen Regelprozesse des Verhalten gestört oder unterbrochen. Ein geregelter Kreisprozess hat drei Elemente:

  • Die Empfindung, d.h. das sensible „Messen“ der aktuellen Situation. Weitreichender ist die Wahrnehmung, die die Deutung der gemessenen Information beinhaltet, was nur durch das Sich-Hineinversetzen in den anderen möglich ist. Nur dadurch kann der Sinn entschlüsselt werden, d.h. die Deutung der Absichten, Ziele, Erfordernisse.
  • Das eigene Handeln, das sich aus der Deutung der Situation ergibt.
  • Die Abstimmung mit den eigenen höheren Absichten, Wünschen und Zielen.

Dieser Kreis-Prozess macht auch den Unterschied zur linearen Steuerung erkennbar: bei der Steuerung fehlt die Sensorik und die Wahrnehmung; es werden die eigenen Absichten ohne Rückkoppelung umgesetzt. Es ist wie bei einem Diktator, der auch ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner Untertanen, seine eigenen Ziele rücksichts-los durchsetzt, was das Wesen von Gewalt gut beschreibt. Gewalt wirkt linear. Macht ist Teil eines Kreisprozesses.
Damit haben wir auch ein Konzept, mit dem wir das Wesen von Heilung fassen können: Steuerung in Regelung, lineare Vorgänge in Kreisprozesse zu wandeln.
Wie kann das im Alltag gelingen? Dazu müssen wir das Wesen von linearer Steuerung verstehen.

Steuerung und Regelsysteme

Die dargestellte lineare Steuerung ist eigentlich keine Beziehung. Sie ist durch Unsensibilität gekennzeichnet und trägt die Züge von Gewalt. Als Gegenüber ist man „Opfer“ von Verhaltensweisen, die oft nur das Mittel der Gegengewalt offen lassen. Wenn diese Art der Nicht-Beziehung eskaliert, bleibt in psychiatrischen Kontext oft nur mehr das Time-Out, die Fixierung oder die Ruhigstellung durch Medikament. Im Alltag bleibt oft nichts anderes übrig, unsensiblen Verhaltensweisen ebenfalls durch Anweisungen, oft lautstark zu begegnen. Verstärkt wird dies durch Ordnungssysteme. Gesetze und Regeln sind jedoch nicht offen, sondern geschlossen. Kennzeichen dieses „Beziehungs-Geschehens“ ist das Entweder/Oder. Über Gesetze kann man nicht diskutieren. Sie sind lineare Instrumente der staatlichen Gewalt.
Blickt man in den Alltag, dann zwingen traumatisierte Menschen ihrem Umfeld oft diese Form der Gewalt-Beziehung auf und es bleibt nichts anders übrig, als sich auf starre Regeln zu beziehen und Konsequenzen einzufordern. Verbunden mit dieser Art der Beziehung ist ein Belohnungs- und Bestrafungssystem, in dem keine wirkliche Kommunikation geschieht, sondern ein automatenhaftes Re-Agieren. Und doch sind Regeln der erste Schritt in die Kommunikation, denn sie brechen die Willkür. Wenn das Kind lernt, dass es Regeln gibt, dann ist damit schon ein erster Schritt in die „Regelung des eigenen Verhalten“ getan, denn es muss die Grenze erspüren, die die Regel setzt und es muss sein eigenes Verhalten darauf abstimmen.
In Regeln alleine liegt jedoch noch keine heilende Wirkung, denn der Betroffene bleibt in einem Regelsystem immer noch Objekt (Opfer) einer überlegenen Gewalt. Regeln brauchen eine exekutive und judikative Gewalt. Regelverstöße müssen wahrgenommen, bewertet und sanktioniert werden.

Rückkoppelung

Der wesentliche Schritt zu einer wirklichen (d.h. rückgekoppelten) Beziehung gelingt erst, wenn hinter der Regel ein Mensch transparent wird. Solange eine Regel Teil eines anonymen Systems ist, bleibt sie auf der Stufe eines automatischen Verhalten stehen: man beflogt die Regel aus Angst vor Strafe, oder aus dem Wunsch eine Belohnung zu erhalten. (Anmerkung: dies macht deutlich, dass durch reine Verhaltens-Therapie keine wirkliche Veränderung bewirkt werden kann.)
Der eigentliche Schritt zu einer menschlichen Beziehung gelingt dann, wenn ein Kind nicht nur dann etwas tut, weil es Strafe abwenden und Belohnung erreichen will, sondern weil ihm der andere wichtig ist, ihm der andere etwas bedeutet – das Kind machte es dem anderen zuliebe. Beziehung ist ohne diese „innere Bedeutsamkeit“ des anderen nicht möglich.

Nur Bedeutsames verändert

Wenn der andere in mir ist, dann kann ich mit ihm fühlen und kann annehmen, dass er ebenso fühlt, wie ich (TOM). Wenn mich ein anderes Kind zwickt und ich empfinde Schmerz, dann ermöglicht dies die Erkenntnis, dass es dem anderen ebenso weh tut wie mir, wenn ich ihn zwicke. Dazu muss der andere jedoch Teil von mir sein. Solange er mir gleichgültig ist, wird dieser Kreis nicht geschlossen. Erst der drohende Verlust der Beziehung zum anderen (der Verlust des Anderen) schließt den Kreis. Nur wenn er mir etwas bedeutet, werde ich ihn nicht zwicken, denn ich könnte ihn ja verlieren.
Dies macht deutlich, dass ohne innere Beziehung (ohne Liebe) keine wirklich heilende äußere pädagogische oder therapeutische Wirkung erzielt werden kann. Es zeigt aber auch, dass diese besondere Qualität: für den anderen bedeutsam zu sein, geliebt zu werden, liebenswürdig zu sein, nicht durch Technik, Wissen, Fachkompetenz aufgewogen werden kann.  (Anmerkung: damit wird auch der Zusammenhang zum Burnout erkennbar: wer liebenswürdig ist, der wird geliebt und dem gelingt scheinbar mühelos alles, was dem Gleichgültigen permanent Kraft abverlangt. Dies hat schon Sokrates ausgerückt, als ein Freund ihn bat, seinen Sohn zu erziehen und Sokrates mit den Worten ablehnte: ich kann ihm nichts lehren, denn er liebt mich nicht.)

Misstrauen in Vertrauen wandeln

Die Wertschätzung der Bezugsperson ist ein elementarer Reflex des Kindes, als ein schutzbedürftiges Wesen. In diesem unbewussten Reflex gibt es jedoch nur „vertraut“ oder „fremd“. Ist der andere „liebenswürdig“, ist der Teil des Vertrauenssystems; ist er nicht „liebenswürdig“, wird er zum Teil des Misstrauenssystems des Kindes (Für traumatisierte Kinder ist der andere zuerst grundsätzlich Teil des Misstrauenssystems).
Die dargestellten Zusammenhänge machen die enorme Bedeutung des Vertrauens deutlich. Vertrauen ist die eigentlich heilende Kraft. (Anmerkung: dies gibt betroffenen Menschen ihre besondere Kraft für Betroffene. Sie können ihnen einen besonderen Raum des der vertrauten Nähe bieten.)

Mitgefühl – Theory of Mind

Wesentlich für die Überwindung der Beziehungs- und Bindungsstörung ist das Mitgefühl (> Spiegelneuronen). Mitgefühl erfordert, die eigenen Empfindungen auf den anderen (Menschen, Tiere, Sachen) zu übertragen. Wo diese Übertragung gelingt, entsteht eine sog. Übertragungsbeziehung. Was bedeutet Übertragung?

Übertragung

Neutral ausgedrückt, bedeutet dies, dass eigene Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte, aber auch Ängste, auf einen anderen Menschen übertragen werden. Diese Übertragung wandelt den andere in eine „neue“ Person. So kann ein Kind auf seine Bezugsperson mütterliche Gefühle übertragen, die diese in eine mütterliche Person wandeln.
Übertragungen sind nicht daran gebunden, dass damit auch eine reale Kind-Mutter-Beziehung gelebt wird; mütterlich kann jeder Mensch sein. Übertragung geschieht spiegelbildlich, d.h. mit dem Wandel in die Mutter, wandelt sich der Übertragende selbst in die Person eines Kindes.
Wenn wir von Übertragung sprechen, dann ist die Beziehung in der Regel wechselseitig. Wenn also die Bezugsperson die Mutterrolle annimmt und ihrerseits auf den Übertragenden ihre eigenen Mutterbedürfnisse rücküberträgt (es als Kind „annimmt“), schließt sich der Kreis und Beziehung kann heilend fließen. Die Übertragungs-Beziehung ist auch der sichere „Raum“, in dem ein Kind auf die Stufe regredieren kann, in der die Verletzungen erfolgten. Dadurch können frühe Defizite nachgeholt werden und Verletzungen ausheilen.

Idealisierung

 Heute werden viele Störungen der Beziehung als Bindungsstörung diagnostiziert. Die Herausforderung lautet, dass das Bindungssystem eines Kindes wieder „weich“ und offen wird und der Rückzug in die narzisstische Autonomie aufgebrochen wird. Die abgekapselten Grundbedürfnisse eines Kindes nach Nähe, Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung müssen wieder ein Gegenüber finden, von dem sie dies annehmen können. Doch kann dies nicht erzwungen werden, sondern das Kind selbst muss sich öffnen, muss den anderen in seine „Seele“ lassen. Übertragung geschieht im Innen, es ist die innere Beziehung zu einer idealen Urmutter, die wohl genetisch vorgeprägt ist. Daher hat Übertragung immer einen Anhauch von Idealisierung, ohne die sich der Kreis nicht schließen kann. Ohne Liebe fließt nichts. 
Doch kann das Kind ins Gegenüber auch den Täter übertragen, weil gewisse Ähnlichkeiten bestehen. Diese Übertragungen der eigenen Ängste in andere Menschen können die Beziehung sehr belasten.

Entgrenzung

Der Gegenpol zur Erstarrung ist die Entgrenzung. Ist bei der Erstarrung die Grenze starr, fest, undurchlässig, und wird jede Berührung misstrauisch kontrolliert, so ist die Entgrenzung gegenteilig, die unkritische Offenheit und die Durchlässigkeit. Oft scheint es so, als gäbe es gar keine Grenze.
Wir haben „Grenze“ als den Rand des eingegrenzten Raums der eigenen Individualität erkannt. Es ist die spezielle individuelle Eigenheit, die den Kontakt an der Grenze bestimmt und bewertet, zu wem ein Kontakt hergestellt wird und was „eindringen“ darf. Dies macht das Wesen des Selbst verstehbar und des damit verbundenen Selbstwertes und Selbstbewusstseins. So kann nur der einen Selbstwert besitzen, der auch ein Selbst hat, etwas Eigenes, Inneres, Spezifisches, was wir auch als Ich bezeichnen.
Damit wird verstehbar, warum eine Schwäche des eigenen Ichs, entweder zu einer Abkapselung führt (als Schutz des eigenen kleinen, verletzbaren Ichs), oder zu einer Selbst-Auflösung, weil ja wenig ist, was eingrenzbar und beschützbar wäre. Wie sieht die Entgrenzung aus?
Bei Kindern finden wir z.B. eine unselektive Offenheit jedem gegenüber, ob nahe Bezugsperson oder Fremder. Jeder der zu Besuch kommt, wir gleich vereinnahmt, man sitzt bei ihm auf dem Schoß und zeigt ihm gegenüber ein Verhalten, das „normal“ erst nach einer längeren Phase gezeigt wird, wenn Vertrauen gewachsen ist. Die schnelle Zugewandtheit imponiert auf den ersten Blick angenehm, da sie das Gegenüber mit einer Pseudovertrautheit schmeichelt. Die Kinder werden dann als besonders lieb erlebt. Diese Entgrenzung zeigt sich auch darin, dass sie sich meist schnell einleben und man den Eindruck gewinnt, als seien sie schon lange hier. Bei Erwachsenen erlebt man schnell eine Vertrautheit, als ob man sich schon lange kennen würde.
Erst nach einer gewissen Zeit wird erkennbar, dass die schnelle Offenheit keine wirkliche Beziehung ist; man ist austauschbar. Die Zuwendungen, die man erhält, erhält jeder andere im gleichen Maße. Menschen reagieren darauf oft gekränkt und wenden sich ab, da sie sich als beliebig austauschbar erleben – die Beziehung hat keine Tiefe, sie ist nichts Besonderes.
Wenn die Entgrenzung zur Persönlichkeit wird, wirken diese Menschen, als ob sie mit Beziehung spielen und sie dadurch auch eine gewisse Macht über Mensch erlangen. Sie binden Mensch an sich, ohne selbst gebunden zu sein, was ihnen auch eine besondere Fähigkeit verleiht, Menschen gegeneinander auszuspielen.
Entgrenzung kann als Folge von Traumatisierung auftreten. Es ist, neben der Erstarrung, die zweite Form der Bindungsstörung. Sie resultiert aus der Unfähigkeit, sich einzulassen und zu vertrauen, als Folge einer tiefen Verletzung der Beziehungsfähigkeit. Es ist auch eine Form der Abwehr, denn durch die damit verbunden Unabhängigkeit, gewinnen diese Menschen Macht über andere und können die Beziehung steuern, wodurch sie Sicherheit erlangen, jedoch um den Preis, selbst in der Beziehungslosigkeit zu verbleiben.

Borderline

Entgrenzung und Erstarrung sind Antipoden, die zwar äußerlich sehr verschieden erscheinen, doch innerlich eng verwandt sind. Diese innere Verbindung kann sich dadurch äußern, dass ein Betroffener schnell zwischen beiden Verhaltensweisen hin und her springen kann. Offene Zugewandtheit kann unvermittelt in Verschlossenheit und Abgewandtheit kippen und umgekehrt, wie wir es bei der Borderline-Persönlichkeit finden. Dieser Wechsel erzeugt im Gegenüber Verwirrung und ist eine mächtige Abwehrstrategie. Betroffene wirken eigenartig schillernd kompetent und mächtig, was sie auch anziehend macht. Wer sich in einem solchen „System“ verfängt, kann wie in einem Netz gefangen werden. Wendet er sich ab, wird er in warmer Zugewandtheit gehüllt, fühlt er sich darin vertraut nahe, und meint Beziehung zu spüren, kippt Nähe in kühle Verschlossenheit, und das Spiel beginnt erneut. 

Kriterien für die Heilung

Heilung von Traumafolgen geschieht an der „Grenze“. Dort geschieht Berührung, Beziehung, Austausch, Sich-Öffnen, Sich-Verschließen. Wie aufgezeigt, sind die Erstarrung als auch die Entgrenzung gegensätzliche, doch innerlich verwandte Reaktionen auf Verletzungen. Die Heilung von Traumen hat daher unterschiedliche Ziele, welche Art von Schutzreflex überwiegt. Erstarrung braucht ein öffnendes, Entgrenzung ein eingrenzendes Milieu. Doch gilt für beides, dass es nicht durch  technische Methoden erreicht werden kann, sondern immer ein eine Beziehung eingebettet sein muss.

Grenzen kann man nicht setzen, sondern nur sein

Eingrenzung im Sinne von „Grenzen setzen“ kann nicht durch Regelungen und Ordnungen geschehen, sondern die Grenze ist immer ein Mensch. Seine eigene Grenze ist die Berührungs- und Kontaktfläche mit dem anderen.  Es ist ein großer Fehler der „Behandlung“ von Trauma-Störungen, Grenzsetzungen dadurch zu begründen, dass der Betroffene klare und überschaubare Strukturen benötige, um damit eine innere Strukturlosigkeit zu begegnen. Wie dargestellt, sind normative Grenzsetzungen und Reglungen immer Wirkungen von Gewalt und brauchen zu ihrer Durchsetzung Gewaltmaßnahmen (Strafen). Wie können lebendige, bezogene Grenzen aussehen?
Ein Kind muss erleben, dass eine Grenzverletzung nicht eigentlich ein Verstoß gegen eine Regel ist, sondern dass es damit einen anderen Menschen verletzt. Grenzüberschreitungen sind immer Verletzungen der Würde eines anderen Menschen. Die verletze Person muss ihre Verletzung für das Kind erlebbar machen und je unmittelbarer und beteiligter dies geschieht, desto prägender wirkt dies auf das Kind. „DU hast mir wehgetan, mich verletzt, mich gekränkt.“ Die Betroffenheit muss unmittelbar erlebbar werden. Unbeteiligt zu sagen, dass das Kind gegen die Hausordnung § 4 verstoßen habe, dringt nicht ein und verändert nicht.
Ein gutes Beispiel sind gehörlose Kinder, denen oft Rohheit nachgesagt wird. Die Ursache liegt darin, dass sie den Schmerzensschrei des anderen, wenn sie ihm wehtun, nicht hören können. In gleicher Weise sollte die Grenzüberschreitung mit allen Sinnen erlebbar gemacht werden, auch mit lauter und betroffener Stimme. Wirkungslos, und die Störung verfestigend, wirkt die Unbeteiligtheit, die sich als legalistische Kälte oder als softe, scheinbar empathische Wohlgesonnenheit äußern kann. Dieses vordergründige Mitleid (en), hilft dem Kind nicht und mokiert sich oft noch über die beteiligte Reaktion.

Erfahrungen

Auf unserem langjährigen Weg, Hilfen für traumatisierte Kinder zu entwickeln, sind uns immer wieder Menschen begegnet, die scheinbar fachlich oder humanitär begründete, sich dem Leid der Kinder hingezogen fühlen, doch haben wir die Erfahrung gemacht, dass diese Empathie meist nur so lange trägt, wie das Kind seine Opferidentität lebt und sehr schnell in Gegenteil kippt, wenn sie mit den Täterintrojekten konfrontiert werden. Die oft lange Karriere des Scheiterns wohlgemeinter Hilfen im Leben unserer Kinder zeigt dies leidvoll.
Grenze leben heißt: sich beteiligt an die Grenze zu begeben, denn nur dort kann das Kind die Grenzen des anderen spüren, und die Grenzerfahrung machen, die es so dringend braucht. Wie könnte ein Kind Grenzen spüren, wenn es selbst keine oder nur weiche Grenzen hat, wenn der andere unbeteiligt weit von ihm entfernt steht. Distanziert, durch kluge Worte das Kind zu belehren, hilft ihm nicht.

Beteiligtheit

Seine eigenen Grenzen zu erfahren und zu spüren, gelingt am besten im unmittelbaren Körper-Kontakt, und in allem, wo eine enge Berührung geschieht: Sport, Spiel, gemeinsam Kochen, Backen, Arbeiten, jemanden zu Bett bringen, jemanden Baden, den Kopf waschen, Haareschneiden etc. Kontakt geschieht aber auch dort, wo gemeinsame Interessen, Werte, Haltungen bestehen. Dazu muss ich das Kind jedoch mit meinen Werten und Haltungen konfrontieren, muss es beteiligt in meine „Welt“ hereinnehmen: „du lebst in meiner Welt und meine Grenzen sind auch deine Grenzen. Deine Unordnung ist eine Kränkung meiner Ästhetik und damit meines Lebensraumes, wodurch du mich verletzt“.
Diese Beispiele zeigen auf, dass ein veränderndes Milieu umso intensiver wirkt, je unmittelbarer und betroffener es von Menschen gelebt wird ist. Milieu ist kein Klima, sondern Beziehungen. Nur dadurch können Bindungsstörungen verändert werden. Doch erfordert es Menschen, die bereit sind, sich in dieser Weise einzulassen, was qualitativ gänzlich anders ist, als einen Job zu verrichten.
Die dargestellten Prinzipien gelten in gleicher Weise für die Erstarrung, als auch für Entgrenzung. Die Kontaktaufnahme geschieht an der Grenze. Beziehungsverweigerungen sind ebenso kränkend und verletzend wie Grenzübertritte.
Eine besondere Bedeutung in der Trauma-Heilung kommt den Täterintrojekten zu. Wenn sich diese Inszenieren, dann wird man als Bezugsperson mit dem Täter konfrontiert und selbst zum Opfer. Es ist das Wesen eines Täters, mit Gewalt die Grenze des anderen zu übertreten, zu missachten. Darauf zu Re-agieren ist schwierig, ohne in die Gefahr zu geraten, wieder Gegengewalt auszuüben. Wird jedoch den verinnerlichten Täterimpulsen im Kind nicht die Grenze aufgezeigt, dann werden die alten Beziehungs-muster wieder bestätigt (z.B. Abwertung von Frauen). Gelöst kann dieser Beziehungs-Konflikt nur dadurch, im oben dargestellten Sinn, Gewalt in Macht gewandelt wird. Dies erfordert, das Bezugssystem zu verändern, um dadurch dem Täter gleichsam seinen Boden zu entziehen. Wesentlich dabei ist, die Ausgeliefertheit zu überwinden, um dem Täter seine Gewalt über andere Personen zu nehmen.